Im Zeitraffer

Weimar: Wagner: Tristan und Isolde

Tristan stirbt. Nur wenige Augenblicke bleiben dem Verwundeten, um zu jener Hellsichtigkeit zu gelangen, die ihn reif für den ersehnten Übergang ins Totenreich macht. Nur ein Wimpernschlag, um sein ganzes Leben von Geburt an zu reflektieren und mit ihm abzuschließen. Denn um nichts anderes geht es in dem großen Auftritt, den Wagner im dritten «Tristan»-Akt seinem Helden zugedacht hat.

Am Deutschen Nationaltheater Weimar zeigt Karsten Wiegand, dass diese Zeit bis zu Tristans Bühnentod nichts anderes als jener Film ist, der in rasender Geschwindigkeit im Augenblick des Todes vor dem inneren Auge abläuft und bei Wagner in Form gedehnter Zeit wiedergegeben wird. Statt sich waidwund auf dem Krankenlager zu wälzen, durchschreitet Tristan mattgoldene Traumräume, in denen die Gestalten aus seinem Unterbewusstsein auf ihn warten und schwarze Hirten über ihre Schäfchen wachen. Jeder Schritt ein Stück Verarbeitung – eine überzeugende Idee, die zugleich die Bilder des Textes nutzt, um die einzelnen Phasen von Tristans Selbstfindungsprozess zu gliedern.

Dass dieser dritte Akt der Höhepunkt des neuen Weimarer «Tristan» ist, liegt jedoch auch an zwei anderen Beteiligten: am neuen GMD Stefan ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2011
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Auf Umwegen

Eigentlich hätte John Adams’ erfolgreicher Opernerstling schon längst einen festen Platz im Repertoire der Metropolitan Opera verdient – «Nixon in China» wurde 1987 in Houston uraufgeführt. Nun konnte der Komponist, dessen «Doctor Atomic» 2008 an der Met herauskam, in diesem Haus sein Debüt als Dirigent feiern, schon sein bloßes
Erscheinen entfesselte einen...

Kulturtransfer und Identität im Musiktheater

Kulturtransfer, Identität: Sind das nicht genau jene Worthülsen, die im Moment immer dort kursieren, wo über Kultur geredet wird, und hinter denen sich eine zugleich banale und folgenreiche Erfahrung verbirgt: die Erfahrung, dass unsere Kultur- und natürlich auch unsere Musikszene in einer Weise vielfältig geworden ist, die es den Verantwortlichen, aber auch den...

Selbst ernannter Prophet

Die Insignien und Embleme unterschiedlichster Religionen, sie fügen sich hier zu einem unheimlichen, erdrückend wirkenden Labyrinth aus Statuen. Antike Gottheiten: Buddhas, Pharaonen, Drachen, Madonnen, Gekreuzigte... Wer findet sich noch zurecht auf diesem Skulpturenfriedhof? Wer verheißt Orientierung? Wo sind die echten Heilsbringer?

Für Joan Anton Rechi, Alfons...