Im Blaubartzimmer der Seelen
Claude Debussys einzige Oper gehört mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung noch immer zu den großen Herausforderungen des Musiktheaters. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben in ihrer zuletzt in Stuttgart gezeigten Inszenierung (siehe OW 6/2007) das am «Kreuzungspunkt von alltäglicher Rede und depressivem Schweigen» (Julia Kristeva) angesiedelte Stück szenisch radikal entschlackt.
Bei ihnen spielt die Dreiecksgeschichte um die gleichsam aus dem Nichts geborene Mélisande und die beiden Halbbrüder Golaud und Pelléas nicht in der finsteren Familiengruft des düsteren Schlosses Allemonde, sondern in der schmerzenden Helle eines fensterlosen, sterilen Klinikkorridors – eine ausweglose Falle, die schon im Bild auf das infantil-regressive Verhalten der wie in einem Verlies gefangenen Figuren verweist. Man war darum gespannt, welche Lesart John Dew und Christof Nel für das fast handlungslose, ganz den Seelenempfindungen nachlauschende Stück finden würden.
Irrgarten Familie
Christof Nel, der die spektakulärere, szenisch aufwändigere Sicht bot, liest das Stück als beklemmende Familiengeschichte von gegenseitiger Schuld und Schuldbarmachung und kann sich dabei auf die vorletzte Szene ...
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