Im Bann der Bilder
Ein Bühnenbild wie ein Schrei. Schwarze Zeichen winden sich auf heller Leinwand: brutal hingeworfen wie gekrümmte Leiber, verrenkte Glieder, flehende Arme. Verkohlte Spuren eines grausamen Gemetzels. Händels Oratorium «Jephtha», das Achim Freyer am Hessischen Staatstheater Wiesbaden mit verstörender Bilderwut in Szene setzt, erzählt eine archaische Geschichte: Um siegreich aus dem Feldzug hervorzugehen, gelobt der alttestamentarische Kriegsherr Jephtha, Gott das erste Wesen als Opfer darzubringen, das ihm bei seiner Heimkehr begegnen wird – es ist seine eigene Tochter.
Freyer nähert sich dem Stoff weniger als Regisseur denn als bildender Künstler. Farben, Chiffren und Formen beschwören parallel zum Bühnengeschehen das Grauen des Krieges herauf. Die Protagonisten agieren beinahe während der gesamten Aufführung auf würfelartigen Podesten. Ihr Handeln bleibt auf wenige, meist in Zeitlupe ausgeführte Gesten beschränkt. Huldigen, Winken, Schwerter recken – mehr Spielraum gibt es für sie nicht. Von Schuld und Verstrickung erzählen die Zeichen, die von den Bühnenwänden auf die Kostüme übergesprungen zu sein scheinen. Sie erinnern an Brandmale und Blutflecken. Abstufungen von Rot bemessen ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Silvia Adler
Pierre Audi
Der Kapitän geht von Bord. Nach 30 Jahren an der Spitze verlässt Pierre Audi die Nationale Opera in Amsterdam, um das Festival von Aix-en-Provence sowie die Park Avenue Armory in New York zu leiten. Zum Abschied inszeniert er Stefano Landis «La morte d’Orfeo» und kuratiert letztmalig das von ihm 2016 initiierte Opera Forward Festival. Wir sind dabei
J...
Es gibt diese Geschichten. Geschichten, die so gehaltvoll ausgezirkelt, so zeitlos verrätselt sind, dass man sie immer wieder hören möchte. Wolfram von Eschenbachs große Erzählung über den Ritter Parzifal, der in die Welt hinauszog, um sich, seine Bestimmung und wohl auch das Glück zu suchen, ist so eine Geschichte.
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Als er Musikdirektor der Kent Opera war, damals Ende der 1980er-Jahre, passierte es: Der Eiserne Vorhang klemmte. Volles Haus, gespannte Gesichter, aber das Ding war einfach nicht zu bewegen. Was tun? Iván Fischer entschied sich, das singende Personal auf dem schmalen Streifen vor der Sperre agieren zu lassen. Und war mit dem Ergebnis hochzufrieden. Es sei einer...
