Ich will den Leuchtstab ungern tragen
Touristische Camouflage oder qualitativ hochwertige Oper? Rein kommerzielles Verführungsangebot oder Musiktheatererlebnis der Sonderklasse? Oder, um es kurz zu fassen: Verona – oder nicht Verona? Das ist hier die Frage.
Der Opernkritiker fährt hin, denn seit genau 100 Jahren bespielt man die fraglos äußerst eindrückliche Arena. 30 nach Christus wurde sie erbaut, also potenziell sogar fast im möglichen Sterbejahr Jesus von Nazareths. Die Barbarei, die sich in den damaligen Kreuzigungen hier (Golgatha) ihren Bann brach, hielt auch dort (Verona) Einzug.
Es war der Einzug von versklavten, geschundenen Menschen, die auf gefangene und gequälte Tiere zur Belustigung von Volk und Führung losgelassen wurden – «Tod und Spiele». Dieser Aspekt wird 2000 Jahre «danach» in Verona freilich im Sinne einer hierzulande gottlob subtil, detailliert und kompetent verfolgten Erinnerungspolitik nicht bedacht, kommt nirgendwo vor, wird ausgeblendet, erfährt keine Sichtbarkeit. Es ist vielleicht auch zu lange her – entsprechende Gladiatorenfilme haben cineastisch aufbereitete Darmschlingenherausquellungen in ihrer rezipierbaren Affirmation längst hoffähig gemacht.
Noch nicht sehr lange her ist es dagegen, ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Arno Lücker
Gott ist tot, denn sonst könnte er nicht wieder auferstehen. Auch Calixto Bieito kann sich als inszenierender Agnostiker der Dialektik von Tod und Leben, dem kaum lösbaren Gegeneinander von Sterben und Weiterleben nicht entziehen bei seiner Regie von Georg Friedrich Händels frühem Oratorium «La Resurrezione» im Schwetzinger Schlosstheater, der Ausweichspielstätte...
In dieser Saison feiert die San Francisco Opera glamourös ihr 100-jähriges Bestehen. Zur ersten Berührung mit dem Operngenre kam es in der Region im Zuge des sogenannten Gold Rush 1849; reisende Operntruppen halfen danach, das Interesse an der Gattung wachzuhalten. Allerdings bedurfte es eines aus Italien in die USA emigrierten Dirigenten, um 1923 eine feste...
Der Satz ist beinahe schon ein Gedicht. Blumig-barock, beredt und beseelt von der Aura erlesener Formulierungskunst: «Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten Menschen schuldig sind, und...
