Dampfende Lokomotiven
Mit Beethoven hat die Schweinerei in der Musik begonnnen.» Der Satz könnte manchen Klassikverehrer schier in Rage versetzen: als kulturrevolutionär-dadaistische, schier blasphemische Schmähung eines schlechthin Erhabenen. Dabei stammt die Sentenz mitnichten von einem dandyhaften Provokateur: Der Wiener Komponist Josef Matthias Hauer geriet zwar mit Arnold Schönberg in einen kuriosen Prioritätenstreit über Zwölftonmusik, ging aber völlig andere Wege. Hauer suchte eine Tonkunst überindividueller Gleichartigkeit als Pendant kosmischer Ordnung.
Seine «Zwölftonspiele» stehen für eine entsubjektivierte Musik, deren «Ausdruck» mehr in quasi kristallinen Permutationen statischer Intervallkonfigurationen gründete. Konsequent wurden Beethovens dynamische Entwicklung, dessen Finaltendenz und Kontrastschärfung bis hin zur übermusikalischen Menschheitsbotschaft ein Feindbild. Denn gerade in der deutschen Musik galten formale wie strukturelle Komplexität und Ausdruckskraft als Vorbild. Werke, die nicht mit polyphoner Kunst, hoher Arbeit, emotionaler Dringlichkeit und bedeutungsträchtiger Tiefe imponierten, galten rasch als «bloßer Sinnenkitzel». Hinzu kam der nationalistische Affekt wider ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Gerhard R. Koch
Das Cover sollte man für einen Augenblick vergessen, wenn man Edipo in Gedanken über eine imaginäre Bühne schickt. Handelt es sich beim Protagonisten von Sophokles’ Tragödie doch um einen blinden, lebensmüden Greis, dem eher etwas unbequem Zotteliges denn gepflegt Graumeliertes eignet – während das Titelbild der vorliegenden CD uns den juvenilen Solisten dieser...
Wenn sich ein Problem nicht lösen lässt, ist es intelligent, es aus einer anderen Perspektive anzuschauen. Richard Wagner erzeugt im «Tannhäuser» ebenso wie im «Parsifal» eine Dichotomie zwischen Religion und Sexualität, die selbst für das 19. Jahrhundert radikal ist. Schon deshalb darf Tobias Kratzers Inszenierung für die Bayreuther Festspiele aus dem Jahr 2019...
Wenden wir uns bei dieser Premiere, in deren Vorfeld sehr viel von Augmented Reality, von Brillen und Brillenkosten die Rede war, zunächst der akustischen Realität zu. Die war nämlich nicht weniger ungewöhnlich als das, was man durch die Brillen sah, und nutzte dafür sehr viel einfachere Mittel. Da ist der viel gelobte und immer als Konstante vorausgesetzte...
