«Ich liebe das andere»

Véronique Gens ist die Grande Dame der französischen Opernszene. Eine klarsichtige Sängerin, die vom Barock bis zur Moderne fast sämtliche Stile beherrscht und dabei immer neugierig geblieben ist. Ein Gespräch über Religion, Rivalitäten, Regisseure, menschlichen Wahn und den Sinn von Kunst

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Frau Gens, darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen?
Sie dürfen!

Wie ist Ihr Verhältnis zu Gott?
Ich bin katholisch, daher habe ich eine natürliche Verbindung zu dem Herrn «dort oben». Ich wurde im baptistischen Glauben erzogen und auch so getauft, was sehr speziell ist, bin aber in meinem Verhältnis zur Religion ganz «normal».

Da ich annehme, dass Poulencs «Dialogues des Carmélites» den Hintergrund Ihrer Frage bilden, kann ich Ihnen sagen: Ich fühle eine große Nähe zu diesem Bühnenwerk, und jedes Mal, wenn ich die Rolle der Madame Lidoine verkörpere, fühle ich eine große Empathie für diese Frau. Selbst wenn Sie nicht gläubig sind, macht das Stück etwas mit Ihnen – am Ende «fühlen» Sie etwas. Diese Musik ist so unglaublich stark, und das Schicksal der wahrhaft frommen Frauen bricht einem wirklich das Herz. Auf einem Pariser Friedhof sind die Namen der Opfer in einen Grabstein gemeißelt; das ist wirklich sehr berührend und authentisch, weil es sich stark unterscheidet von Opern wie beispielsweise «Le nozze di Figaro» oder «Così fan tutte», die frei erfunden sind. Die «Dialogues» basieren, wie Sie wissen, auf einer wahren Begebenheit aus der Zeit der Französischen ...

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Opernwelt 2023
Rubrik: Interview, Seite 58
von Jürgen Otten

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