Hyper-Barock

München | Staatstheater am Gärtnerplatz | Glanert: Joseph Süß

Der Prolog gehört zwei Jägern. Gamsbartfedernd reißen sie auf Bayerisch ihre Judenwitze, später trägt der Chor noch drohend Transparente an die Rampe, die ein Judenverbot für den deutschen Wald fordern. Und dann ist es auch schon wieder vorbei mit der Aktualisierung. Keine Antwort auf Veit Harlans unsäglichen Film ist der Abend, keine unverbrämte Problemwälzerei. Dafür lädt manches vielsagend zum Grübeln ein in dieser Deutung von Detlef Glanerts «Joseph Süß» am Münchner Gärtnerplatz.

Erinnert nicht das marmorne Stelen-Labyrinth von Bühnenbildner Peter Sykora ans Berliner Mahnmal? Hat der Materialismus des Titelhelden, den Gary Martin mit lässiger, viriler Eleganz gestaltet, überhaupt etwas mit seiner religiösen Herkunft zu tun? Sind die geifernden Massenszenen, die Dirigent Roger Epple phonstark zuspitzt, nicht eine Weiterführung von Bachs schäumenden, antijüdischen Passions-Turbae?

Die Auseinandersetzung zwischen dem Titelhelden und seinem Herrn, dem Herzog Karl Alexander von Württemberg, dreht Regisseur Guy Montavon noch ein, zwei Umdrehungen weiter. Dieses Blaublut, von Theatertier Stefan Sevenich drastisch ausgereizt, ist ein Popanz, ein Monster. Ein (geld-)geiler Bock mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Belcanto aus der ersten Reihe

Giovanni Pacini? Ein weithin versunkener Name aus der Sphäre der Belcanto-Oper. 1796 in Catania zur Welt gekommen, hinterließ der Komponist bei seinem Tod angeblich über hundert Opern. Schon in Jugendjahren in Mailand debütierend, fand er sein durchweg in Italien verbrachtes Leben bedeutend genug, um eine Autobiografie zu schreiben. Findige Opernjäger können hier...

Versöhnung in Kandahar

Manchmal entpuppen sich Konflikte, die man für aktuell hält, als verblüffend alt. Afghanistan ist ein von Warlords und lokalen Clanführern zerrissenes Land? Der Iran spielt mit den Muskeln und will regionaler Hegemon werden? Alles so oder so ähnlich schon mal dagewesen – eine Barockoper zeigt es. 1709 hat der afghanische Stammesfürst Mir Wais die Provinz Kandahar...

Olympische Mission

Der Kreis schließt sich. Was bislang an der logistischen Herausforderung, an den Probenbedingungen und am Geld scheiterte, soll im August auf einem stillgelegten Industriegelände in Birmingham endlich Wirklichkeit werden: die erste komplette Aufführung des «Mittwoch» aus Karlheinz Stockhausens siebenteiligem «Licht»-Zyklus. Mit der Vorbereitung des gigantischen...