Hoffnung gibt es keine

An der Staatsoper Unter den Linden in Berlin inszeniert Claus Guth «Chowanschtschina» von Mussorgski als ewige Wiederkehr russischer (Gewalt-)Geschichte

Opernwelt - Logo

Diese Düsterkeit ist niederschmetternd. Nachdem Blut geflossen ist wie Wasser, nachdem verraten, betrogen und gemordet wurde, als gäbe es kein Morgen, nachdem Anführer und Herrscher aufstiegen und wieder aus dem Weg geräumt wurden – nach all dem steht das Volk, repräsentiert hier von den sogenannten «Altgläubigen», mit erhobenen Armen da und wünscht sich nichts sehnlicher als den eigenen Untergang. «Der Herr wird mich retten, nichts wird mir mangeln», singen sie vermutlich im Rückgriff auf den 23. Psalm «Der Herr ist mein Hirte».

Aber nicht an die «grüne Aue» und auch nicht an das «frische Wasser» dieser berühmten Trost-Verse denkt das Volk in diesem Moment, sondern an den Tod im Feuer. Nur hier, in den «reinigenden Flammen», werde man frei von der sündenreichen Last des irdischen Daseins, nur im Tod warte jenes Leben, das man sich auf Erden immer erträumt hat. Selten wurde die Enttäuschung von allem Weltlichen so hymnisch besungen wie am Ende von Modest Mussorgskis «Chowanschtschina».

Claus Guth, der das Stück nun an der Berliner Staatsoper inszeniert hat, scheut vor dem Bogen ins heutige Russland nicht zurück. Brutalität und Untergangslust, Machthunger und Todeskult, dabei das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
Missverständnis

Vor gut 200 Jahren, genau am 7. Mai 1824, kam Beethovens Neunte Symphonie am Wiener Kärntnertor-Theater zur Uraufführung – ein Jubiläum, das nun in der Musikwelt gebührend gefeiert wurde: TV-Dokumentationen erinnerten an diesen Meilenstein der Musikgeschichte, der Fernsehsender Arte sendete nacheinander Aufführungen der Symphonie-Sätze live aus Leipzig, Paris,...

«La femme, c’est moi»

Frau Kulman, erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Bühnenauftritt?
Natürlich! Das war am 19. Dezember 2021 in Bamberg, ein Abend mit den Bamberger Symphonikern unter der Leitung von Jakub Hrůša. Das Haus war wegen Corona nur zu einem Drittel gefüllt. Ich habe ein eigenes Wunschprogramm gesungen und am Ende Mahlers «Wunderhorn»-Lied «Urlicht». Und dann war...

Auf sonnigen Höhen

Ein finsteres Geheimnis umgibt die Felsenhöhle, Mimes und seines Ziehsohns Siegfrieds Wohnstatt. Wenn man es auch nicht zwingend sieht – hören kann man es im Vorspiel zu «Siegfried». Schwer fallen die Fagott-Terzen eine Septim herunter auf den tremoli-bebenden Boden. Unheil bahnt sich an, und wenn das Orchester der Bayreuther Festspiele im zartesten pianissimo die...