Chiaroscuro
Der Seeheld glaubt, er sei durchaus berechtigt, seiner vermeintlich untreuen Braut das Leben zu nehmen. Denn er kann sich dabei – kaum zu glauben, aber wahr – auf eine in Italien noch bis vor wenigen Jahrzehnten gültige Rechtsordnung berufen, in der die Tötung aus Eifersucht zu den Kavaliersdelikten zählte. Jedenfalls bei männlichen Tätern. Regisseur Allex Aguilera lässt im Teatro dell’Opera zu Rom keinen Zweifel daran, worauf eine solche Lizenz hinausläuft: auf die Erbärmlichkeit eines gewöhnlichen Mordes.
Statt daher Desdemona hochdramatisch die Luft abzudrücken, ersäuft der Admiral sie wie eine Katze. Desdemona stirbt elendig, einsam, unspektakulär. Ihr Tod liegt ganz auf der Linie der Beweiskraft des an den Haaren herbeigezogenen Corpus delicti, denn das Taschentuch erweist sich als durch und durch fadenscheinig. Wenn es dennoch die Projektionsfläche für Otellos haltlose Anklage abgibt, dann verbindet sich hier der Machismo des hormonell übersteuerten Wüterichs mit seinem fortschreitenden Realitätsverlust.
Worauf das hinausläuft, daran bleibt in Aguileras Inszenierung kein Zweifel: auf einen Femizid. Black Facing stünde bei einer solch klaren Sicht auf die Zentralfigur dem ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Michael Kaminski
Frauen galten historisch nicht sehr oft als genial (was ja ohnehin ein anderes Wort für hochbegabt und sonderbar ist), aber auch als hochbegabt und sonderbar galten Frauen selten. Lieber nannte man sie überspannt und anstrengend, zum Beispiel. In Opernlibretti sind Frauen fast ausnahmslos Liebende und Leidende; die Leidenschaften gehen mit ihnen durch. Wenn sie...
An Pina Bausch kommt man auch in Braunschweig nicht vorbei. Wenn im Programmheft auch nicht von ihr die Rede ist, lässt sich das Bühnenereignis doch kaum ohne ihre Vorarbeit denken. 1977 beschäftigte sie sich in Wuppertal mit Bartóks Operneinakter – das Ergebnis ihrer Recherche ist unter dem Titel «Blaubart. Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Bartóks Oper...
Noten und Töne, die schriftliche Fixierung von Musik wie ihre klingende Realität im Dialog zwischen Interpret und Hörer, sind nicht identisch. «Weder enthält Geschriebenes je alles, was Musik ausmacht», schreibt George Steiner, «noch ist sie je ‹so und nicht anders›.» Musik, das «unterbrochene Schweigen» (Steiner), ist vielmehr immer anders. Keine Aufführung...
