Höllisches Spektakel
Donnerwetter! Allein dieser eine Mann würde genügen, der ersten polnischen «Meistersinger»-Aufführung seit fast 100 Jahren einen runden Erfolg zu bescheren: Frank van Hove ist als studierter Theologe und Philosoph der geborene Hans Sachs, und er singt ihn mit bewundernswert deutlicher Artikulation, bergseewasserklar, durchdringend, jederzeit auch schauspielerisch bezwingend.
An seiner Seite glänzt am hellsten Bjørn Waag als Beckmesser, weiß Gott nicht nur dank des Glitzerkostüms, das ihn in Verbindung mit der mephistoähnlichen Maske anfangs eine Spur zu dämonisch erscheinen lässt, aber genau dadurch die lächerliche Anmaßung des Merkers enthüllt. Der norwegische Bariton ist ein Komödiant von hohen Graden, er verzaubert sein Publikum mittels kleinster Gesten – beckmesserischer geht es nicht. Auch Magdalene, Kothner und Pogner werden von den polnischen Sängern anstandslos gemeistert. Leider fallen Eva und Stolzing ziemlich ab. Die Ausstatter haben ihnen keinen Gefallen getan: Die rotzopfige Germania im Dirndl und der tumbe Tor in Kniehosen wirken geradezu depersonalisiert – als Liebespaar reineweg unmöglich.
Das unter Gabriel Chmura musizierende Orchester hat zwar mit den ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Volker Tarnow
Festen Boden hat hier niemand unter den gründerzeitlich beschuhten Füßen. Weder die offenbar halluzinierende, taubenblau hochgeschürzte Frau, um die sich alles dreht. Noch die nachtschwarz gestrenge, am Stock gehende Gouvernante in ihrem Schlepptau. Ganz zu schweigen von jenem befrackten hohen Herrn, der sich auf den schrägen Planken mit verführerischer, meist...
Hätte Nietzsche «Die Rheinnixen» gekannt, hätte er seine Meinung, Jacques Offenbach, «dieser geistreichste und übermütigste Satyr», sei «eine rechte Erlösung von den gefühlsamen und im Grunde entarteten Musikern der deutschen Romantik», womöglich relativiert. Denn es handelt sich hier durchaus um ein Werk, das als romantische Oper sui generis durchgeht, keineswegs...
«Der Kaiser von Atlantis», Viktor Ullmanns allegorisches «Spiel in einem Akt» nach einem Text seines tschechischen Landsmanns, des Malers und Autors Peter Kien, ist wohl die einzige vollständige (Kammer-)Oper, die in einem Konzentrationslager der Nazis geschrieben wurde. Das ist nicht nur eine ungeheuerliche Episode der Musikgeschichte. Es ist auch ein Dilemma...
