Hinhören, bitte!
Im Hauptberuf ist Berthold Seliger Konzertagent. Seit drei Jahrzehnten. Sein Geld verdient er mit Künstlern wie Lou Reed, Patti Smith oder Rufus Wainwright. Nebenbei meldet sich Seliger gern und häufig als scharfzüngiger Kulturkritiker zu Wort, der in Aufsätzen und Büchern gegen die Monopolisierung des Musikgeschäfts oder das «gebührenfinanzierte Staatsfernsehen» zu Felde zieht. Immer pocht dabei ein denkendes Herz, das an die befreiende Kraft der Künste glaubt. So auch in seiner jüngsten Streitschrift über die Misere der «klassischen» Musik.
Für die Gegenwart sieht Seliger schwarz: Überalterung des Publikums, Verarmung des Repertoires, millionenschwere Prestigeprojekte für die Eliten (Stichwort «Elbphilharmonie»), der Verfall musikalischer Bildung – das sind die Themen, die er auf knapp 500 Seiten verhandelt. Das Ziel dieser mit Zitaten von Plato, Hegel, Schiller, Hölderlin, Adorno und anderer Geistesgrößen gespickten Tour d’Horizon: die Wiedergewinnung selbstbestimmten Hörens. Eines Hörens, das sich der Anstrengungen bewusst ist, die komplexe, «ernste» Werke einfordern. Wahre Kunst, daran lässt Seliger keinen Zweifel, ist nicht leicht zu konsumieren, sie macht Mühe, Arbeit. Ihr ...
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In Strauss’ «Capriccio» 2016 am Theater an der Wien überzeugte uns Maria Bengtsson als Gräfin mit ihrem vorbildlich auf dem Atem phrasierten, nicht durch vermeintlich Strauss-typische, sentimentale Verschleifer entstellten Finale. Auch die Figur, die die Regie ihr abverlangte, war ungewöhnlich: mit ihren langen blonden Haaren schien sie weniger Aristokratin als...
Die einen wollen nichts sehen – gründen gar eine ganze Familienkultur darauf. Am deutlichsten wird das im vierten Akt, als Arkel die schöne Mélisande ganz und gar ungroßväterlich auf den Mund küsst, als wollte er ihr die Jugendfrische aus dem Leib saugen: «Hast du Angst vor meinen greisen Lippen?» Da legen die Umstehenden, wie so oft in Stefan Herheims...
59. Jahrgang, Nr 8
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