Himmel und Hölle
Dieses Liebesglück ist vollkommen. Hat zwar ein bisschen gedauert, bis die Schäferin Fillide den Werbungen Amintas nachgab; schließlich galt es – in zehn zähen Da-capo-Arien – die Wahrhaftigkeit seines Ansinnens zu prüfen. Doch jetzt, im abschließenden Duett «Per abbatter il rigore d’un crudel», gibt es kein Halten mehr. Die Augen glänzen, das Herz erzittert. Und der Blick der beiden Liebenden richtet sich dankerfüllt in den göttererleuchteten Himmel.
Und so klingt es auch.
Die schönste Musik hat Georg Friedrich Händel für das Ende seiner Kantate «Aminta e Fillide» komponiert, bestechend analog zur Handlung. Mal tänzeln die Gesangslinien spielerisch umeinander herum, mal sind sie ineinander verschlungen, um fast postwendend als sequenzierende Echos durch den Garten zu eilen. Und das wortwörtlich: Denn die Uraufführung der (auf pastoralem Vorbild fußenden) Kantate fand im Juli 1708 auf dem idyllischen Anwesen des Fürsten Francesco Maria Ruspoli in Rom statt, sonnenbeschienen vermutlich. Dieses Licht strahlt nun auch in der Wiedergabe durch jene drei Damen, die wohl eigens für diese barocke Musik ihr Handwerk erlernt haben: die Sopranistin Sabine Devieilhe, ihre Mezzo-Kollegin Lea Desandre und die (cembalospielende) Dirigentin Emmanuelle Haïm. Was die Französinnen hier gemeinsam mit dem fantastischen Ensemble Le Concert d’Astrée zeigen, ist stilistisch wie expressiv höchste Interpretationskunst. Ist es vor allem, weil die Kontraste pointiert geschärft sind: Ekstase und Galanterie hier, Raserei und Noblesse dort. Alles da.
Erscheinen diese Gegensätze in der Kantate noch gemildert, kommen sie in den beiden auf diesem Album gebannten Vokalpreziosen in gleißender Schärfe zur Geltung. Ein Wunder ist dies nicht: Händels bevorzugte Muse war schon während seines Italien-Intermezzos (1706-1709) die feurige Sopranistin Margherita Durastanti: Welche Leidenschaft sie in sich trug, kann man sehr gut in der dramatischen Kantate «Armida abbandonata» hören. In drei ausladenden Arien wird das Leiden der beklagenswerten Titelfigur an der Welt (und an sich selbst) ausgiebig entfaltet. Sogar die eigentlich betont lyrischen Passagen des «Ah crudele»-Lamentos bergen einen Hauch von jener Exaltiertheit, die der Durastanti eignete – und die Sabine Devieilhe mit ihrer stupenden Gesangstechnik eindrucksvoll vermittelt. Jeder Ton wohnt hier an der Grenze zwischen Schmerz und Schönheit, zwischen Himmel und Hölle.
Die Reibung, die an solchen Orten entsteht, spiegelt sich auch im Spiel von Haïms Hausensemble Le Concert d’Astrée: Sublime Klangverfeinerung wechselt mit ruppig-rauen, kratzigen und komplett vibratolosen Attacken – die widerstreitenden Seelen in Armidas Brust offenbaren sich in aller Deutlichkeit. Am Ende obsiegt die Milde. Das Stück endet, relativ ungewöhnlich für die damalige Zeit, mit einer Siciliana. Ein leises Lamento ist dieses «In tanti affanni miei», nur von einer Violine begleitet, und so singt es Devieilhe: als wäre sie in einer Kammer gefangen, aus der heraus ihr Gesang nun durch einen Türspalt flehentlich an unser Ohr dringt. Besser: als würde ein Engel singen.
Lea Desandre steht dem kaum nach. Zwar blüht ihr Mezzo nicht so sehr auf wie Devieilhes Sopran. Doch gebietet die Stimme über eine subtile Intensität, der man sich kaum verschließen kann, besonders nicht in dem unter die Haut gehenden Arioso «Già nel seno comincia» aus der Kantate «La Lucrezia», die jene mythische Geschichte aufgreift, in der die tugendhaft-traurige Titelheldin von Sextus Tarquinius vergewaltigt wird und nun zu einem (vokalen) Rachefeldzug aufbricht. Desandre mildert Lucrezias Zorn, löst ihn in äußerst kultivierten Koloraturen auf, um schließlich dann doch nur noch eines im Sinn zu haben – ihr letztes Wort ist «Vendetta!»
VERLOSUNG Am 8. Mai um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer. Melden Sie sich: 030/25 44 95 55
HANDEL: ITALIAN CANTATAS
Sabine Devieilhe (Sopran), Lea Desandre (Mezzosropan), Le Concert d’Astrée, Emmanuelle Haïm
Erato 0190295633622 (2 CDs); AD: 2018
Opernwelt Mai 2019
Rubrik: CD des Monats, Seite 23
von Jürgen Otten
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