Hier Melancholie, dort Machiavelli
Beschaut man die Szene, wird die Erinnerung an Schubert wach: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Losgelöst von den Menschen, schwebt Lucia Ashton – soeben hat sie den ihr aufgezwungenen Gatten Arturo gemordet – im blutbefleckten Hochzeitskleid die Treppe hinab in den Saal (Bühne: Robert Pflanz), besteigt den festlich gedeckten Tisch, liegt dort, von Kerzen beleuchtet, und hebt an mit dieser unglaublich schönen und schmerzensreichen Arie, die uns von der Liebe erzählt – von einer unmöglichen.
Kein Zweifel, hier ist jemand aus seiner Mitte verrückt geworden: von den Umständen, auch von der Gesellschaft, die ihrerseits von ihr abrückt (der famose Chor des Mecklenburgischen Staatstheaters in den wallenden Gewändern von Bettina Lauer). Einer nach dem anderen verlässt den Ort des Grauens. Mit einem solch irren Sinn will man nichts zu tun haben.
Es ist die berührendste Szene der Oper «Lucia di Lammermoor»: der tragischen Titelheldin Abschied von der Welt. Beeindruckend gerät er hier nicht nur wegen der irisierenden Pianissimo-Stimme der koreanischen Sopranistin Hyunju Park, die über eine exquisite Belcanto-Technik gebietet (im Forte allerdings mit etwas zu viel Nachdruck ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Jürgen Otten
Dmitri Schostakowitschs Frühwerk «Die Nase» – eine Oper nur für große Häuser? Der 1930 uraufgeführte Dreiakter vereint mehr als 80 (meist kurze) Solorollen und bis zu zehn Schlagzeuger im Graben. «Die Nase» ist eine jener Orchideen im Spielplan, die bei ihrem seltenen Erblühen von Kritik und Publikum meist das Siegel «Warum spielt man das nicht öfter?» erhalten....
Eine Frau nachts im Museum. Sie sitzt unter einem Murillo-Bild mit dem Tod Marias, über dem der Maler auf einer weiteren Leinwand deren Himmelfahrt gestaltet hat. Sie ist versunken in sich, in einem dunklen Mantel überm schlichtgrünen Kleid, krümmt sich auf einem altmodischen Stuhl zusammen, starrt ins Nichts. Wir starren auf sie, hinter einer Absperrung, im...
Im Genfer Programmheft sieht man die Sängerinnen der Elektra wie auf einer Perlenschnur aufgereiht – wenn die zarte Metapher für die Schwergewichte vergangener Tage überhaupt zulässig ist. Annie Krull, die den monströsen Part für die Dresdner Uraufführung in wenigen Wochen lernen musste, mit wirren Haaren; Zdenka Faßbender, die erste Münchner Elektra, mit bösem...
