Hello Baby!

Lydia Steier findet für ihre Inszenierung von Strauss’ «Die Frau ohne Schatten» in Baden-Baden mutige Assoziationen, Kirill Petrenko kreiert plastisch-pointillistische Klangbilder

Opernwelt - Logo

Ob man 70 Jahre alt werden müsse, um zu erkennen, dass man eigentlich für den Kitsch die größte Begabung habe, fragte Richard Strauss, als er die «Arabella» komponierte. Eine rhetorische Frage, natürlich. Auch in der «Frau ohne Schatten», die als Hauptwerk konzipiert war, darf Kitsch sein. Etwa wenn der fesche Menschenkaiser – nicht zufällig ein Tenor – seine jüngste weibliche Eroberung als «Beute aller Beuten» preist, sich dabei zum hohen B aufschwingt und das Orchester ihm «sehr feurig» in Es-Dur, der alten Heldentonart, beipflichtet.

In Baden-Baden singt Clay Hilley das im Frack und mit Schmackes auf einer Showtreppe, umzingelt von Revuegirls samt rosa Federboas. Geschieht ihm recht, dem Kaiser! Und geschieht ihr recht, der «Frau ohne Schatten», die hier Operette sein darf, wo sie Operette ist. 

Lydia Steier, die Regisseurin, hat keine Hemmungen vor solchen Seitenblicken zur Unterhaltung, wenn allzu hohe Kunst dadurch geerdet und genießbar wird. So geschehen etwa bei Stockhausens «Donnerstag aus Licht» in Basel 2016, ihrem Durchbruch. Wenn es darauf ankommt, kann sie auch ganz anders. Etwa bei ihrer verstörenden «Salome», im vergangenen Herbst in Paris (OW 12/2022). Und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 10
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Der feine Unterschied

Herr Dusapin, von Nikolai Rimski-Korsakow ist die schöne Sentenz überliefert, Kunst sei «im Grunde die bezauberndste und hinreißendste Lüge». D’accord?
Die Kunst eine Lüge? Eine interessante Ansicht. Für mich ist Kunst, insbesondere Musik, die überwiegende Zeit dazu da, etwas zu verbergen.

Aber was?
Sich selbst, in meinem Fall also den Komponisten. Wobei es für...

Bärenstark

Andreas Homoki als einer, der aufräumt mit hergebrachten Deutungsmethoden zu Richard Wagners «Ring des Nibelungen»? Der Gedanke greift hoch, vielleicht zu hoch, abwegig ist er nicht. Je weiter der neue Zürcher «Ring» gedeiht, desto deutlicher wird, wie gut Homokis Konzept aufgeht – die Maxime nämlich, nicht eine weitere Auslegung der Tetralogie auf die Bühne zu...

Appell und Dorn

Der Furor einer künstlerischen Aussage: Wann greift er uns noch wirklich an? Beim diesjährigen «Opera Forward Festival» in Amsterdam waren es gleich zwei von drei Abenden, die, im existenziellen Sinne, als Appell (mit Dorn), tief bewegten – hinreißend, hirnzerreißend. 

Vor dem Eisernen Vorhang im Opernhaus spielt das Ein-Frau-Stück «Perle Noire: Meditations for...