Hello Baby!
Ob man 70 Jahre alt werden müsse, um zu erkennen, dass man eigentlich für den Kitsch die größte Begabung habe, fragte Richard Strauss, als er die «Arabella» komponierte. Eine rhetorische Frage, natürlich. Auch in der «Frau ohne Schatten», die als Hauptwerk konzipiert war, darf Kitsch sein. Etwa wenn der fesche Menschenkaiser – nicht zufällig ein Tenor – seine jüngste weibliche Eroberung als «Beute aller Beuten» preist, sich dabei zum hohen B aufschwingt und das Orchester ihm «sehr feurig» in Es-Dur, der alten Heldentonart, beipflichtet.
In Baden-Baden singt Clay Hilley das im Frack und mit Schmackes auf einer Showtreppe, umzingelt von Revuegirls samt rosa Federboas. Geschieht ihm recht, dem Kaiser! Und geschieht ihr recht, der «Frau ohne Schatten», die hier Operette sein darf, wo sie Operette ist.
Lydia Steier, die Regisseurin, hat keine Hemmungen vor solchen Seitenblicken zur Unterhaltung, wenn allzu hohe Kunst dadurch geerdet und genießbar wird. So geschehen etwa bei Stockhausens «Donnerstag aus Licht» in Basel 2016, ihrem Durchbruch. Wenn es darauf ankommt, kann sie auch ganz anders. Etwa bei ihrer verstörenden «Salome», im vergangenen Herbst in Paris (OW 12/2022). Und ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 10
von Stephan Mösch
Von allen angestarrten Frauen ist Lulu vermutlich die (um einen in dieser Art modisch geläufigen, wenngleich sprachlich unkorrekten Superlativ zu verwenden) «angestarrteste». Man starrt ja selbsthin. Die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer war in einer Wedekind-Sprechtheater-Aufführung in Frankfurt am Main vor 13 Jahren über eine nicht unbeträchtliche Strecke des...
Katerina Ismailowa ist Täterin und Opfer zugleich, Mörderin wie Beute eines liebund mitleidlosen Systems vulgärkapitalistischer Machos. Das rüde Sein bestimmt das brutale Bewusstsein. Zur Revolutionärin aber taugt Katerina nicht. Pure Langeweile treibt sie an, sich über die Leiche des herrschsüchtig-geilen Schwiegervaters hinweg das Minimum an Zuwendung zu...
Der vielleicht bewegendste Moment ereignet sich fast nebenbei gleich am Anfang, noch bevor das komplizierte, etwas ermüdend hin- und herwogende Geschehen um Macht, Liebe, Krieg und Freundschaft im präkolumbianischen Peru und Mexiko abrollt, noch vor den Staats- und Privataktionen um den Kriegshelden Montezuma und die Inkatochter Orazia (die er begehrt) und die...
