Drastisches Kammerspiel
Katerina Ismailowa ist Täterin und Opfer zugleich, Mörderin wie Beute eines liebund mitleidlosen Systems vulgärkapitalistischer Machos. Das rüde Sein bestimmt das brutale Bewusstsein. Zur Revolutionärin aber taugt Katerina nicht. Pure Langeweile treibt sie an, sich über die Leiche des herrschsüchtig-geilen Schwiegervaters hinweg das Minimum an Zuwendung zu verschaffen. Weil sie die Männer ihrer Umgebung nur allzu gut kennt (und entsprechend wenig von ihnen erhofft), beschränkt sie ihre Bedürfnisse auf kaum mehr denn ausschweifende Sexualität.
Der virile Frauenheld Sergej kann immerhin diesen Wunsch erfüllen.
Dass mehr vom Leben zu fordern Traumtänzerei wäre, zeigt Joan Anton Rechi in Detmold bedrückend deutlich. Der Regisser nutzt die intime Atmosphäre des Hauses, um dem Publikum beinahe buchstäblich auf den Leib zu rücken. Schostakowitschs Oper gerät so zum gewaltgesättigten Kammerspiel: Es wird kopuliert und gemordet, was das Zeug hält. Kein Wunder, die tragische Titelheldin und ihr Liebhaber stehen unter enormem erotischen wie gesellschaftlichem Druck, und der sucht sich sein Ventil. Zwar drückt die Obrigkeit anfangs ein Auge zu; selbst der Pfarrer ist scharf auf die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Michael Kaminski
Über den Köpfen des Publikums fliegen die Fetzen, man sitzt mitten im Kreuzfeuer verfeindeter ästhetischer Positionen. Regisseur Guillermo Amaya hat die gegnerischen Lager in seiner Heidelberger Inszenierung auf den Treppen des Zuschauerraumes und an der Bühnenrampe postiert. Komische, Tragische, Lyrische und Hohlköpfe liefern sich einen furiosen Schlagabtausch. In...
Orpheus leidet mächtig. Der Styx besudelt ihn aus drei Eimern mit Wasser, Erde und Blut. Eurydike erweist sich als ebenso zickig wie begriffsstutzig, während Amor sein Vexierspiel treibt und das Liebespaar zurückpfeift, wenn ihm etwas nicht passt. Dieser schelmische Cupido bedient sich tatsächlich einer Trillerpfeife, mit der er auch gern die Musik zerschneidet....
Das Stück ist kein Repertoirerenner geworden, wie man ihn eigentlich von Pé-ter Eötvös hätte erwarten können. Immerhin haben sich seine «Tri Sestry» bis heute als Dauerbrenner erwiesen, während die kurz danach entstandenen «Angels» in den knapp zwei Jahrzehnten seit ihrer Pariser Uraufführung ein von den Theatern nur wenig beachtetes Dasein fristen. Möglicherweise,...
