Drastisches Kammerspiel
Katerina Ismailowa ist Täterin und Opfer zugleich, Mörderin wie Beute eines liebund mitleidlosen Systems vulgärkapitalistischer Machos. Das rüde Sein bestimmt das brutale Bewusstsein. Zur Revolutionärin aber taugt Katerina nicht. Pure Langeweile treibt sie an, sich über die Leiche des herrschsüchtig-geilen Schwiegervaters hinweg das Minimum an Zuwendung zu verschaffen. Weil sie die Männer ihrer Umgebung nur allzu gut kennt (und entsprechend wenig von ihnen erhofft), beschränkt sie ihre Bedürfnisse auf kaum mehr denn ausschweifende Sexualität.
Der virile Frauenheld Sergej kann immerhin diesen Wunsch erfüllen.
Dass mehr vom Leben zu fordern Traumtänzerei wäre, zeigt Joan Anton Rechi in Detmold bedrückend deutlich. Der Regisser nutzt die intime Atmosphäre des Hauses, um dem Publikum beinahe buchstäblich auf den Leib zu rücken. Schostakowitschs Oper gerät so zum gewaltgesättigten Kammerspiel: Es wird kopuliert und gemordet, was das Zeug hält. Kein Wunder, die tragische Titelheldin und ihr Liebhaber stehen unter enormem erotischen wie gesellschaftlichem Druck, und der sucht sich sein Ventil. Zwar drückt die Obrigkeit anfangs ein Auge zu; selbst der Pfarrer ist scharf auf die ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Michael Kaminski
Wie gefährlich es sein kann, sich in Form einer Biografie einem lebenden Komponisten anzunähern, der selbst mit unzähligen Schriften sein Œuvre sowie die ihm zugrundeliegenden ästhetischen Imperative wort- und gedankenreich zu «erklären» wusste, hat zuletzt der Fall Wolfgang Rihm gezeigt. Beide Versuche, ihm und seinem Schaffen gerecht zu werden, scheiterten, so...
JUBILARE
Susan Belling wurde am 3. Mai 1943 in New York City geboren. Sie studierte in Long Island und war danach Mitglied in verschiedenen Opernstudios, darunter auch dem der Metropolitan Opera. Belling wurde als Spezialistin für Ur- und Erstaufführungen bekannt, also für primär modernes Repertoire sowie für Alte Musik. Sosang sie beispielsweise die Titelrolle in...
Ob man 70 Jahre alt werden müsse, um zu erkennen, dass man eigentlich für den Kitsch die größte Begabung habe, fragte Richard Strauss, als er die «Arabella» komponierte. Eine rhetorische Frage, natürlich. Auch in der «Frau ohne Schatten», die als Hauptwerk konzipiert war, darf Kitsch sein. Etwa wenn der fesche Menschenkaiser – nicht zufällig ein Tenor – seine...
