Hauptsache spielerisch

Das «Stegreif Orchester» findet seit zehn Jahren neue Zugänge zu Werken der klassischen Musik

Opernwelt - Logo

Ein Orchester geht in Aufstellung. Die Streicher nach vorne, dahinter Blech- und Holzbläser, die Pulte akkurat im Halbkreis aufgereiht. Es erklingen die ersten Takte von Beethovens «Eroica». Da geschieht das Unerwartete: Eine Geigerin reißt ihr Notenblatt vom Pult. Andere folgen ihrem Beispiel. Immer mehr Notenblätter wirbeln durch die Luft, immer mehr Pulte fallen laut polternd zu Boden.

Eine Geste, die einem Freigeist wie Beethoven vermutlich gefallen hätte: Der Legende nach riss er das Deckblatt des Manuskripts wutentbrannt in zwei Teile, nachdem er erfahren hatte, dass ihr Widmungsträger – Napoleon Bonaparte – die egalitären Ideale der Revolution verraten und kaltschnäuzig Krone und Staatsmacht an sich gerissen hatte.

Dem kühnen Auftakt folgt eine performative Entdeckungsreise. Barfuß umkreisen die Musizierenden einander, lehnen Rücken an Rücken oder erobern Teile der Zuschauertribüne. Sie spielen ohne Dirigent, ohne Noten. Sie fluten das Berliner «Theater im Delphi» mit Musik und hauchen dem thematischen Material von Beethovens dritter Symphonie neues Leben ein – mal originalgetreu, mal leicht verfremdet. Hin und wieder schält sich ein Solist aus dem klingenden Kollektiv und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 74
von Anna Schors

Weitere Beiträge
Gott, wo bist Du?

Die Geschichte ist alt, biblisch alt. Geschrieben steht sie im Ersten Buch Mose, Kapitel vier, und erzählt von jenem Mord, der als Menetekel, als Parabel, ja, als Urbild menschlicher Katastrophen taugt. Ein Bruder erschlägt seinen Bruder und wird von Gott dafür gezeichnet. Die Frage ist nur: Hat er etwas daraus gelernt? Begreift Kain, dass jenes Stigma, dass der...

Mustergültig

Antonio Vivaldis anno 1735 im Teatro San Samuele uraufgeführte «Griselda», sein einziges Bühnenwerk für Venedig, gehört trotz regelmäßiger Produktionen nicht zu den Spitzentiteln des Barockbooms. Aus woker und auch aus gelassenerer Perspektive auf patriarchale Sinnkonstrukte ist das Sujet dieser Opera seria nur äußerst schwer erträglich. Nun gelangte sie mit dem...

Kein Licht, nirgends

Die Landschaft, die Seelen – beide gleichermaßen verrottet und im Absterben, nur dürftig übertüncht mit buntfleckigen Erinnerungen einer vorgeblich besseren Vergangenheit: Lorenzo Fioronis Leipziger «Pique Dame»-Inszenierung entwirft eine böse Dystopie, in der nicht einmal mehr die stramm gedrillten Kinderscharen Anlass zur Hoffnung geben. Der Blick des Schweizer...