Jedenfalls ein Neuanfang
Zu den großen Opernfiguren, die nicht mit Empathie rechnen dürfen, gehört die Küsterin in Leoš Janáčeks «Jenůfa». Dass es nicht das Glück der jungen Frau ist, für das Buryja zur Kindermörderin wird, sondern ihr bigotter Wunsch, die Ziehtochter noch gut verheiraten und damit den eigenen Ruf retten zu können, macht sie zur gemeingefährlichen Vertreterin bürgerlicher Selbstzufriedenheit.
Dramaturgisch aber zählt das zum Besten, was auf der Bühne zu finden ist.
In dem Moment, in dem die Küsterin Laca gegenüber versichert, das unehelich geborene Kind Jenůfas und seines Rivalen sei tot, der Weg zur Hochzeit also frei, lebt das Menschenküken ja noch. Es schlummert nebenan, jetzt aber zum Tode verurteilt. Wenn eine Sängerin die Küsterin so intensiv darstellt, wie Kirsi Tiihonen das nun in Heidelberg macht, begreift man, wie diese lebensverbitterte Frau das ihrerseits begreift. Es graut ihr vor sich selbst, aber sie wird das Schlimme trotzdem tun – und damit garantiert nicht glücklich werden. Und das nicht nur, weil die Leiche des Säuglings unterm Eis entdeckt wird, als es taut. Sie verliert bereits vorher völlig die Nerven und bleibt als zerstörter Mensch übrig. Dennoch wird niemand ...
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Judith von Sternburg
Auf den Titelblättern der Programmhefte dieser beiden Musiktheater-Novitäten prangt (sie sind im selben Hellrot wie das Schriftlogo «Staatsoper Hamburg» gesetzt) eine Zahl, die Bände sprechen soll. Eine «22» für Unsuks Chins «Die dunkle Seite des Mondes», eine «23» für Rodolphe Bruneau-Boulmiers «Die Illusionen des William Mallory». Das Leitungsduo des Hauses an...
Zweifellos gibt es mehr vergessene als bekannte Meisterwerke, das ist keine Neuigkeit. Saison für Saison erleben wir auf Bühnen und Tonträgern erstaunliche Wiederentdeckungen, die einen begeistern, verwundern und gelegentlich auch konsternieren: Wie etwa konnte Antonio Smareglias «Nozze Istriane» unter unserem Radar durchrutschen? Eigentlich hätten die Antennen...
Ein Orchester geht in Aufstellung. Die Streicher nach vorne, dahinter Blech- und Holzbläser, die Pulte akkurat im Halbkreis aufgereiht. Es erklingen die ersten Takte von Beethovens «Eroica». Da geschieht das Unerwartete: Eine Geigerin reißt ihr Notenblatt vom Pult. Andere folgen ihrem Beispiel. Immer mehr Notenblätter wirbeln durch die Luft, immer mehr Pulte fallen...
