Grün ist die Hoffnung
Man hat ihn hierzulande fast ein bisschen vergessen, den freundlich schmunzelnden Herrn mit dem rundlichen Kahlkopf und dem kaukasischen Schnurrbart über dem Goldkettchen. Dabei war Gija Kantscheli (1935–2019) bis zu seinem Tod durchaus eine Berühmtheit: ein in den Westen versprengter Anti-Modernist, der – zusammen mit der jüngst verstorbenen Russin Sofia Gubaidulina, dem Esten Arvo Pärt oder dem Ukrainer Valentin Silvestrov – ein ganz anderes musikalisches Denken und Fühlen verkörperte als die europäische Post-Avantgarde.
Kantschelis Symphonien und Konzerte entfalten sich schleppend und in melancholisch brütender Tonalität, sind durchsetzt von schrillen Gesten des Protestes, die aber letztlich immer im Ton tiefer Trauer eingekapselt sind. 1991 floh der Komponist vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Georgien nach Berlin und lebte später in Belgien; Exil und Entwurzelung wurden zum zentralen Grundgefühl der späten Werke. Und das Plattenlabel ECM verschaffte Kantschelis Musik der Stille, die nicht wenige Zeitgenossen in den überdrehten 1990er-Jahren als quasi-religiöse Offenbarung empfanden, eine breite Fan-Gemeinde.
Aber es gibt auch den «anderen» Kantscheli vor dem Zerfall der ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Michael Struck-Schloen
Io moro!», seufzt Sara – und sinkt mit einer lakonischen Orchesterkadenz ohnmächtig zu Boden. Man kann sie verstehen: In Metastasios oft vertontem Oratorienlibretto bleibt der Erzmutter des Volkes Israel wirklich nichts erspart. Und in dieser Produktion des «Isacco» der Komponistin Marianna Martines (1744–1812) noch weniger.
Die Genesis lässt es offen, aber...
Kaum jemand konnte seiner Traurigkeit und leisen Bestürzung über den Zustand des (weiblichen) Ichs im patriarchal-geteilten Deutschland nach 1945 so plastisch-poetisch Ausdruck verleihen wie die Schriftstellerin Brigitte Reimann. «Alles schmeckt nach Abschied», notierte sie einmal in ihrem Tagebuch, und betrachtet man das Leben dieser Künstlerin, klingt der Satz...
Das Versepos «Orlando furioso» war ein Steinbruch für Librettisten. Einzelne Stränge aus der hochkomplexen Handlung um den (rasenden) karolingischen Ritter Roland haben Lully, Vivaldi, Hasse, Händel, Haydn vertont – und Agostino Steffani. Der italienische Komponist und Diplomat war zeitweilig am Welfenhof in Hannover angestellt und schrieb dort unter anderem den...
