Grenzerlebnis
Der Tunnel am Ende des Lichts, das Schweben durch den Sterberaum, das Zusammentreffen mit bereits hinübergegangenen Verwandten: So kennt man das aus Berichten über Nahttoderlebnisse. Manches wird von der Hirnforschung sogar bestätigt. Nichts dergleichen passiert Tamino. Das sind andere Gestalten, die ihm begegnen. Ein Dämon, eine Mixtur aus Hahn, Mephisto und Joker, der sich Papageno und «Seelenfänger» nennt. Ein archaischer Priester zwischen Asia-Gottheit und Bischof. Eine Königin mit explodierter Frisur, die während ihrer Arie ihre aufblasbaren Stacheln ausfährt.
Ein Underdog, der sein transparentes Riesengemächt zu verbergen sucht. Und ein Wesen, das so aussieht wie Tamino: Krankenhemd, Stoffhaube mit merkwürdigen Stöpseln auf dem Kopf. Das ist Pamina, seine andere, weibliche und, so zumindest behauptet das die Regie, auch bessere Hälfte.
Mozarts «Zauberflöte» als Grenzerlebnis am Rande zum Jenseits, als Rückblende oder Vision, dazu eine Portion Anima-Animus-Lehre à la C. G. Jung, das riecht nach Dramaturgenschweiß. Man kann am Staatstheater Nürnberg diesen Prämissen nachspüren und ihre szenische Realisierung (die nicht immer gelingt) überprüfen. Man kann sich dieser ...
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Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Markus Thiel
Neunzig Jahre alt ist der Maler und Regisseur Achim Freyer, doch er hüpft in seinen Sneakers über die Bühne wie ein Rumpelstilzchen. Der weiße Haarschopf wackelt, der Bart zittert. Die einzige Sorge: dass er nicht doch noch über die knöchelhohe Schwelle stolpert, die einmal quer über die Bühne führt. Aber Freyer passt auf, hebt den Fuß demonstrativ und erinnert...
Von den alten Griechen ist der Mythos überliefert, dass Schwäne im Angesicht des Todes besonders schön singen. Daher rührt der Begriff «Schwanengesang». Seitdem die English National Opera vor dem Abgrund steht, singt und spielt sie, als beflügle die Not des Hauses ihre Kreativität. In den letzten zwei Jahren hat die ENO eine Reihe von Aufführungen produziert, wie...
Das glamourös-glitzernde Glück währt genau 18 Minuten. Und das seit 1963, einmal pro Jahr, an Silvester, auf etlichen Kanälen der real noch existierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, stets und wie gewohnt zur besten Sendezeit. «Dinner for one» ist vielleicht der witzigste Sketch aller Zeiten (ersonnen hat ihn natürlich kein Deutscher, sondern ein Brite,...
