Der Geist der Aufklärung
Wie konnte es sein, dass nach John Eliot Gardiners Pioniertat von 1987 in Lyon und beim Festival d’Aix-en-Provence, die Glucks erster französischer Oper messerscharfe Konturen und (durch einige rustikale Kürzungen der Divertissements) eine Dramaturgie aus dem Geist der Opernreform verliehen hatte, Riccardo Muti 2002 in Mailand noch einmal ein groß besetztes Symphonieorchester antreten ließ – und ein Ballett, das gnadenlos sämtliche Airs gracieuses, Tambourins, Gavottes und Menuets vorführte, die Tänzerinnen und Tän
zer und das Pariser Publikum dem widerstrebenden Komponisten noch abgerungen hatten? Nach denkwürdigen Aufführungen des großartigen, leider lange vernachlässigten Werks durch Marc Minkowski, insbesondere seinem Amsterdamer «Doppelschlag» der beiden Iphigénies von 2013 mit der anrührenden Véronique Gens in der Titelrolle, gehen nun Julien Chauvin und sein Concert de la Loge die Rezeptionsproblematik erneut an – zusammen mit einem großartigen Gesangsensemble aus dem Imperium der Dratwicki-Brothers, den Herrschern über Bru Zane und das Versailler Centre de Musique baroque, das auch durch seinen Chor vertreten ist. Um es gleich vorneweg zu sagen: Das Unternehmen zeitigt einen ...
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Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 26
von Klaus Heinrich Kohrs
Skandal! In großen Lettern stand das Wort im Raum, seit eine Zürcher Sonntagszeitung ans Licht gebracht hatte, dass am Opernhaus Zürich vor der Premiere von Alfred Schnittkes Oper «Leben mit einem Idioten» massiv in Libretto und Partitur des Stücks eingegriffen worden sei. Der Schuldige war rasch ausgemacht, es war der Regisseur Kirill Serebrennikov, der dafür...
Antoine ist düster. Ahnt der junge Mann etwas? Gemeinsam mit anderen Bauern und mit den Tieren ist er vom heimat -lichen Dorf zur Sömmerung auf die Alpe Derborence gestiegen. Bald legt er sich auf seinem Strohsack in der einfachen Hütte schlafen – da geschieht es: Es donnert ein Felssturz auf die Alpe herab und begräbt alles Lebendige unter Steinmassen. Ein...
Der Titel des achten (und vor dem Epilog) letzten Bildes aus Mieczysław Weinbergs Oper «Die Passagierin» verrät kaum, welch gewaltige Peripetie in ihm steckt und wie viel von der Idee eines Menschen in der Revolte. «Konzert» ist dieses Bild überschrieben, und ein ebensolches steht nun auch in jenem Raum des Badehauses im KZ Auschwitz an, der jedoch im Theater...
