Grenzenlos schön
Eine Stimme, die singt – nichts weiter. Aber was und wie sie singt, verführt in Luciano Berios abstrakt-wortlosem akustischem Theater «Sequenza III» den Hörer. Töne entstehen aus Mundgeräuschen, verschwinden, überlagern sich, die Palette der Laute reicht vom Stöhnen und Keuchen, Lallen und Schnalzen, Flüstern und Schreien, Lachen und Weinen bis zum Sprechen und Singen. Berio hat diese Anti-Vokalise, die in der Befreiung der Stimme alle nur denkbaren phonetischen Artikulationsarten durchspielt, einst der exzentrischen Cathy Berberian auf den Leib komponiert.
Jetzt singt sie die phänomenale französische Mezzosopranistin Lucile Richardot – ganz anders, aber nicht weniger faszinierend und atemberaubend mit ihrem fast transsexuellen Timbre und ihrer vibratoarmen, an der barocken Aufführungspraxis geschulten Stimmführung. Was bei Berberian einen Hauch von Camp besaß, wird bei Richardot zum Grenzgang zwischen alter und neuer Musik, Monteverdi und Elektronik, Poesie und Banalität. Noch einen Schritt weiter geht sie, ganz im Sinne des Komponisten, in «O King», Berios Hommage an den 1968 ermordeten schwarzen US-Bürgerrechtler Martin Luther King. Hier wird die Stimme, die sich völlig ins ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: CD des Monats, Seite 53
von Uwe Schweikert
Die Premiere von Rossinis «Il turco in Italia» am 22. Februar 2020 war die letzte Vorstellung an der Scala, bevor das Theater zur Abwehr der Coronae-Pandemie geschlossen wurde. Rossini besingt ein idyllisches Bella Italia – «dich liebt der Himmel und die Erde!» Dagegen war am Tag der Premiere 60 Kilometer entfernt, in dem, was die Italiener habsburgisch «il...
Hätte die letzte Spielzeit von Nikolaus Bachler als Intendant der Bayerischen Staatsoper nicht unter dem Signum der Corona-Maßnahmen gestanden, sie wäre wohl tatsächlich seine glanzvollste geworden. Schließlich hatte Bachler, der es so gern glänzend (und manchmal auch einfach nur hochglänzend) liebte, sie als geschichtsbewusste Summe angedacht: einige der...
«Ohne die Corona-Pandemie und den Lockdown im Frühjahr 2020 gäbe es diese Aufnahmen nicht», sagt Hanna Herfurtner in einem im Booklet ihrer CD abgedruckten Gespräch mit dem Tonmeister Johannes Kammann. Die Sopranistin macht ihre existentiellen Erfahrungen mit der erzwungenen Isolation zum Thema ihres Konzeptalbums. Das Nachdenken über das Leben wird zum Nachdenken...
