Grandseigneur mit feinem Geschmackssinn

Zum überraschenden Tod des Theatermachers Pierre Audi

Opernwelt - Logo

Seine letzte Regiearbeit war vielleicht seine schwierigste. Nachdem Romeo Castellucci und das Théâtre La Monnaie ihre Zusammenarbeit beendet hatten, weil man sich nicht über Budgets und/oder inhaltliche Fragen einigen konnte, sprang Pierre Audi couragiert ein und inszenierte die beiden letzten Teile von Wagners «Ring».

Und wie es seiner Art, Kunst zu denken und sie bildmächtig zu beglaubigen, entsprach, strotzten «Siegfried» und die «Götterdämmerung» zwar nicht vor genialischen oder gar revolutionären Ideen (was dazu führte, dass dieser Brüsseler «Ring» als eine Art geteilter Himmel in die Operngeschichte eingehen wird), aber sie waren das, was so viele Arbeiten von Pierre Audi zuvor auch gewesen waren: durchdacht, solide, geschmackvoll, mit feinem Sinn fürs Dekorative. Fans des radikalen Regietheaters mochten das als allzu bieder empfinden, für Anhänger einer (im besten und buchstäblichen Sinne) konservativen Grundhaltung war es hingegen ein Gewinn.

Ohnehin verstand sich Audi seit jeher wohl doch mehr als Theatermacher, denn als innovativer Bühnenabendzauberer. 1979, nach seinem Studium in Oxford, gründete der gebürtige Libanese in London das Almeida Theatre sowie das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Raffiniert wie der Roman

Was hätte ein Komponist Umberto Eco unternommen, wenn er sein Opus «Der Name der Rose» nicht in den 1980er-Jahren als Roman, sondern heute als Musiktheater geschrieben hätte? Mit dieser Frage im Kopf begann der Komponist Francesco Filidei seine Arbeit an der Opernversion eines der größten internationalen Bucherfolge des ausgehenden 20. Jahrhunderts – übersetzt in...

Heilignüchtern

György Kurtág, der Grand Old Man der Moderne, der im kommenden Februar seinen 100. Geburtstag feiern wird, hat in seinen Vokalwerken stets zu Texten gegriffen, die sich eigentlich jeder Musik entziehen – Becketts Schauspiel «Fin de partie», Fragmente aus Kafkas Prosa, Lyrik des späten Hölderlin oder Aphorismen aus Lichtenbergs «Sudelbüchern». Umso irritierender, so...

Männerphantasien

Die Machos können beruhigt sein. Männer am Herd, Frauen an der Macht, dies sogar mit einer Generalin an der Spitze, so etwas bleibt beschränkt auf eine Enklave im Ozean. Zumindest in jener «verdrehten Welt», die Antonio Salieri auf ein Libretto von Caterino Tommaso Mazzolà imaginierte. «Il mondo alla rove -scia» heißt der Zweieinhalbstünder im Original und...