Heilignüchtern

CD des Monats: Benjamin Appl singt Kurtág und Schubert und überschreitet dabei alle Grenzen

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György Kurtág, der Grand Old Man der Moderne, der im kommenden Februar seinen 100. Geburtstag feiern wird, hat in seinen Vokalwerken stets zu Texten gegriffen, die sich eigentlich jeder Musik entziehen – Becketts Schauspiel «Fin de partie», Fragmente aus Kafkas Prosa, Lyrik des späten Hölderlin oder Aphorismen aus Lichtenbergs «Sudelbüchern». Umso irritierender, so viel vorweggenommen, seine expressive Vertonung der hochgestochen banalen Verse Ulrike Schusters, die ebenfalls auf der hier besprochenen CD erscheinen.

Da überzeugt eigentlich nur das herausgemeißelte Klavierspiel Pierre-Laurent Aimards. Die 1993/94 entstandenen «Hölderlin-Gesänge» aber umfassen fünf Lieder, abgeschlossen werden sie durch Paul Celans Hölderlin-Hommage «Tübingen, Jänner». Mit einer Ausnahme sind es unbegleitete Sologesänge für Bariton, die Texte entstammen durchweg Hölderlins spätester Zeit. Für Kurtág ist Musik eine Sprache. Was er komponiert – so hat er einmal gesagt – soll «mit möglichst wenigen Tönen so viel sagen, und es so dicht als möglich sagen. In vokaler Musik wollte ich etwas finden, wo Text und Musik beinahe identisch sind.» In ihrer radikalen Kürze, ihrer schmucklosen Lakonik und der Reduktion zum Äußersten handelt es sich bei dieser Musik um ein Schweigen, das beredt ist und schmerzt. Kurtág verwandelt die Worte in reinen Klang – einen Gesang, der vom Flüstern bis zum Schrei, vom raschen Parlando bis zum geheimnisvollen Ton eines Singens bei geschlossenem Mund reicht. Darin beschwört er den einsamen, der Welt abhanden gekommenen Hölderlin in seinem Turm.

Benjamin Appls in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten entstandene Aufnahme nimmt ihren Ausgang bei einer die Gregorianik paraphrasierenden Psalm-Vertonung und kombiniert die Hölderlin-Gesänge mit sieben Schubert-Liedern – Kontrast, Überschreibung und Weitung zugleich, was die Grenzen von Alt und Neu, von emotionaler Hochspannung und asketischer Vergeistigung gegeneinander verschiebt, ja zuweilen aufhebt. Appl bewältigt die Anforderungen Kurtágs – den extremen Stimmumfang, die enorme Klangfarbenvielfalt und die oft geradezu übergriffig große Intervallik – mit einer technischen Perfektion, mit einer gestalterischen Subtilität und Stimmschönheit, die höchste Bewunderung abnötigt. Hier ist nichts dem Zufall überlassen und doch wirkt nichts gezwungen, gar verkrampft. Alles klingt vielmehr in einem existenziellen Sinne natürlich – «heilignüchtern», um es mit einem Wort Hölderlins zu sagen.

Dabei verändert sich auch Appls Blick auf Schubert. In den von James Baillieu mit hellwacher Entspanntheit begleiteten Liedern fehlt jede Spur von Manieriertheit und sentimentalisierender Überpointierung. Bei Appls früheren Schubert-Aufnahmen hat das oft noch irritiert. Die sieben Lieder seiner Auswahl künden von einem Rückzug ins Innere, der jedes falsche Gefühl verweigert. Hier singt einer gleichsam in sich hinein. «Totengräbers Heimweh» verliert jede plumpe Dramatik und erklingt in abgründiger Leichtigkeit wie von jenseits des Grabes. Das populäre «Im Frühling» verliert in träumerischer Verhaltenheit seine oft falsche, allzu forsche Naivität. Das Rückert-Lied «Dass sie hier gewesen» klingt geradezu modern, und im «Wanderer an den Mond» ist es gleichsam die vom Körper sich lösende Seele, die geht. Bei zwei Liedern, Schuberts vorsichtigzögerlichem «Der Jüngling an der Quelle» und Brahms’ bedächtig, ja nachdenklich gesungenem «Sonntag» hat der greise Kurtág sich selbst noch einmal ans Klavier gesetzt. Allemal ist es der ganz entspannte Vortrag, der die Musik spannend macht. Sucht man nach einem gemeinsamen Bild für die «Linien des Lebens», die diese Aufnahme mit den Liedern Kurtágs und Schuberts verfolgt, die zugleich aber auch für die aufs Tiefste bewegende, im Hörer weiterwirkende Interpretationskunst Benjamin Appls gilt, so wäre es jenes «entmythologisierende Gebet», das Adorno zufolge alle Musik ist.

LINES OF LIFE: SCHUBERT & KURTÁG
Benjamin Appl (Bariton), Pierre-Laurent Aimard (Klavier), James Baillieu (Klavier), György Kurtág (Klavier)
ALPHA CLASSICS 1145 (CD); AD: 2024

VERLOSUNG Am 12. Juni um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser
CD-Box an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55


Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Medien, Seite 37
von Uwe Schweikert

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