Gott, welch Dunkel hier

Beethoven: Fidelio an der Deutschen Oper Berlin

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Diesen Lapsus würde kein Lektor seinem Autor durchgehen lassen: Als Leonore in das Verlies hinabsteigt, wo ihr Gatte Florestan seit zwei Jahren wie ein Tier gehalten wird, erschießt sie mal eben schnell einen anderen Gefangenen, um sich sodann liebevoll ihrem unglücklichen Manne zuzuwenden.

Ein schockierender Moment, nicht weil plötzlich die Pistole knallt, sondern weil offenbar der Regisseur «durchgeknallt» ist, weil er den Charakter der Heldin negiert und damit die Botschaft dieser humanistischen Rettungsoper schlechthin, dieses großartigsten Tondenkmals, das der Freiheit und der Sehnsucht nach ihr jemals gesetzt wurde. Wozu diese Attacke? Und warum gerade jetzt? David Hermann erklärte vorab, für ihn sei «Fidelio» in erster Linie eine Oper über Gefangenschaft und es gebe keinen Heroismus ohne Brüche. 

Tatsächlich gibt es in seiner Inszenierung überhaupt keinen Heroismus, obwohl Musik und Text ihn eindringlich genug beschwören. Florestan (Robert Watson) ist ein unrettbar traumatisierter Mensch, schon die ekstatische Vision «Gott, welch Dunkel hier» klingt stark derangiert, und am Ende vermag er sich des Sieges über die Tyrannei genauso wenig zu erfreuen wie der wiedergewonnenen ...

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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Volker Tarnow

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