Gott, welch Dunkel hier
Diesen Lapsus würde kein Lektor seinem Autor durchgehen lassen: Als Leonore in das Verlies hinabsteigt, wo ihr Gatte Florestan seit zwei Jahren wie ein Tier gehalten wird, erschießt sie mal eben schnell einen anderen Gefangenen, um sich sodann liebevoll ihrem unglücklichen Manne zuzuwenden.
Ein schockierender Moment, nicht weil plötzlich die Pistole knallt, sondern weil offenbar der Regisseur «durchgeknallt» ist, weil er den Charakter der Heldin negiert und damit die Botschaft dieser humanistischen Rettungsoper schlechthin, dieses großartigsten Tondenkmals, das der Freiheit und der Sehnsucht nach ihr jemals gesetzt wurde. Wozu diese Attacke? Und warum gerade jetzt? David Hermann erklärte vorab, für ihn sei «Fidelio» in erster Linie eine Oper über Gefangenschaft und es gebe keinen Heroismus ohne Brüche.
Tatsächlich gibt es in seiner Inszenierung überhaupt keinen Heroismus, obwohl Musik und Text ihn eindringlich genug beschwören. Florestan (Robert Watson) ist ein unrettbar traumatisierter Mensch, schon die ekstatische Vision «Gott, welch Dunkel hier» klingt stark derangiert, und am Ende vermag er sich des Sieges über die Tyrannei genauso wenig zu erfreuen wie der wiedergewonnenen ...
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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Volker Tarnow
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Damit sie einst besser wissen würden, aus welchen Vergangenheiten sie stammten», hat Frank Schneider diese Erinnerungen für Kinder und Enkel aufgeschrieben – und im Erzählen über 500 Seiten eine Intonation durchgehalten, von der sich eine gewisse Wahrheitsgarantie nicht trennen lässt. Das sei vorweg gesagt, weil jede Autobiografie ein verfängliches Genre, ein in...
