Göttlicher Zorn

Barrie Kosky und Vladimir Jurowski deuten Hans Werner Henzes «The Bassarids» an der Komischen Oper Berlin als das, was das Stück ist: eine Trauersymphonie

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Einer der herrlichsten Einstiege des Theaters findet sich in George Taboris schwarzhumorigen «Goldberg-Variationen». Auf einer schwarzen Leinwand erscheint in weißer Leuchtschrift der Satz «Gott ist tot. (Nietzsche)». Kurz darauf erlischt die Schrift. Pause, Dunkel. Dann erneut ein Satz, diesmal unterzeichnet vom Ausgelöschten höchstselbst: «Nietzsche ist tot.» Was beweist: Gott ist da. Aber wir sehen ihn nicht.

Auch der Gott in diesem Musikdrama ist zunächst unsichtbar.

Seine Existenz gleichwohl bewiesen – durch eine hypnotisierende Tenorstimme, die aus den Umlaufbahnen des zweiten Ranges herniederschwebt und uns umhüllt wie ein Schleier aus unsagbarer Schönheit: Synonym für Verlockung, Verführung, Verheißung. Nach nichts anderem dürstet Dionysus (Sean Panikkar). Er will, um seine eingeäscherte Mutter Semele zu rächen, all jene, die seinem kaltglänzenden Gesang lauschen, herausreißen aus ihrer beschwerlich-sterblichen Existenz. Sie berauschen. Entzücken. In (orgiastische) Gefilde verrücken, wo es nichts gibt als Wein und Wahn.

Hans Werner Henze zögerte keinen Augenblick, als ihm die Salzburger Festspiele den Auftrag erteilten, die «Bakchen» von Euripides zu vertonen, jenes ...

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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten

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