Götter und Kekse

In Taipeh gibt es zwar ein modernes Opernhaus, aber keinen Opernbetrieb. Trotzdem fand dort jetzt die erste szenische Aufführung der «Walküre» statt, flankiert von einem internationalen Symposion. Bei den Sängern mischen sich taiwanesische mit europäischen Stimmen, wobei die Asiaten fast durchweg besser abschneiden. Und ein Taifun mischt die Insel auf.

Opernwelt - Logo

Götter mögen keine Kekse. Deshalb bringen die Menschen in den Longshan-Tempel Äpfel mit, auch Bananen, Papaya und Blumen. Viele der Götter, die hier versammelt sind, scheinen gemischte Teller zu bevorzugen: Je bunter die Opfergaben, desto bereitwilliger werden Gebete erhört. Kekse gibt es trotzdem – zur Stärkung der Gläubigen und zur Stärkung der Tempelkasse. Wer sich einer Gottheit erfolgreich nähern will, tut das mit gesenktem Haupt, vielen Verbeugungen und mindestens einem Räucherstäbchen.

Vor der Göttin der Barmherzigkeit ist kein Durchkommen, so viele Verbeuger samt Stäbchen und Herzensanliegen haben sich eingefunden. Touristen, die einfach nur blitzen, was als heilig gilt, erzürnen die Göttin offenbar nicht. Sie lächelt selig – wie seit 250 Jahren. Dafür fauchen vom Dach knallfarbige Dämonen. Andere Götter in anderen Gebäuden des Tempels schauen grimmig drein. Der Gott der Polizei zum Beispiel, der allerdings nicht viel Zulauf hat. Der Gott der Bauern ist auch für die Pflanzenheilkunde zuständig. Er wirkt robust und hat eine Wampe. So viele Götter und Glaubensarten gibt es in Taiwan, dass Religionsunterricht in den Schulen flachfällt. Jeder glaubt, was und wie er will oder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2013
Rubrik: Reportage, Seite 58
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Wenn sich die Realität auflöst

Das Verdi- und Wagner-Jahr 2013 ist auch ein Benjamin-Britten-Jahr, das aber im Jubiläumstrubel für die beiden großen Antipoden schier unterzugehen droht. Die Deutsche Oper Berlin hat, nicht eben überzeugend, «Peter Grimes» gespielt (OW 3/2013), Hamburg sich für die unterschätzte «Gloriana» eingesetzt (OW 4/2013). Die Düsseldorfer Rheinoper kündigt für die kommende...

Impressum

54. Jahrgang, Nr 9/10
Opernwelt wird herausgegeben von Der Theaterverlag - Friedrich Berlin

ISSN     0030-3690
Best.-Nr.     752259


Redaktion Opernwelt
Knesebeckstraße 59-61, 10719 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
E-Mail: redaktion@opernwelt.de

Redaktionsschluss dieser Ausgabe war der 14.08.2013

Redaktion:
Stephan Mösch (V. i. S. d. P.)
Albrecht...

Goldene Mitte

Frau Te Kanawa, Sie waren eine der begehrtesten Sängerinnen der Achtziger- und Neunzigerjahre. Sie hätten allen Grund, in Ihre eigene Stimme «verliebt» zu sein. Sind Sie es?
Ach, dafür war es zu viel Arbeit. Ich musste mich immer zu sehr um meine Technik kümmern. Das war entscheidend für alles andere. Ich denke schon, dass man ein positives, emotionales Verhältnis...