Gestern im Heute
Bücher. Überall Bücher. Im ersten Akt stehen sie ziemlich ungeordnet in großen Regalen, der Raum mit seinen riesigen Säulen lässt an Herrschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts denken. Tatjanas Domizil, das Landgut ihrer Mutter, wirkt wie eine geheimnisvolle Bibliothek. Der zweite Akt spielt in einem Szeneclub. Auch hier der zeichenhafte Verweis auf das gedruckte Wort: entsorgte Bände, beiläufig zur Deko geschichtet, obenauf eine Frau: Tatjana auf dem Bücherhaufen.
Im Palais des Fürsten Gremin schließlich mutieren sie zur alles erdrückenden, zwanghaft geordneten Kulisse (Bühne und Kostüme: Jamie Vartan). Als Onegin verzweifelt versucht, die einst Abgewiesene für sich zu gewinnen, zieht er in Rage ein paar Exemplare aus dem Regal – es sind bloß Holz-Attrappen. Um mit Wagners Nornen zu sprechen: Der Welt melden Weise nichts mehr. Auch die einstige Nonkonformistin Tatjana hat sich arrangiert mit den Verhältnissen.
Was Regisseur Frederic Wake-Walker, Gründer und Künstlerischer Leiter der englischen Mahogany Opera Group, mit Tschaikowskys «Lyrischen Szenen» nach Puschkin anstellt, ist originell. Sein «Onegin» spielt in einer Gegenwart, durch die sich die zentralen Akteure wie lebende ...
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Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....
Ist es «politisch korrekt, die jüdischen Protagonisten [...] der alten Opern» heute, in einem «erneut gefährlich schwankenden Europa», wiederzuerwecken?, fragt die israelische Historikerin Fania Oz-Salzberger. Und liefert die ambivalente Antwort gleich mit: «Nein. [...] Aber wir sollten es dennoch tun.»
Oz-Salzberger setzte mit ihrem Vortrag Rahmen und Ton eines...
Gesagt ist gesagt – das wird durch’s irre Lachen hinterher auch nicht besser: Die Figuren, die Gluck auf die Bühne stelle, seien so erhaben, dass sie klängen, «als würden sie Marmor scheißen», behauptet Amadeus in Miloš Formans Film. Das klingt durchaus nach Mozarts flottem Mundwerk. Doch dass er dies auch wirklich so gesagt hat, möchten wir bezweifeln. Denn...
