Gesinnungsnazi? Formalnazi!
Wie konnte so ein großer Dirigent so ein großer Nazi sein?», fragte der Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel den Pianisten Alexis Weissenberg, der mit Herbert von Karajan während der 1970er-Jahre mehrfach auftrat. Die klare Antwort Weissenbergs, jüdischer Herkunft wie Wiesel: «Er war kein Nazi. Es ist ein großes Unrecht, ihn Nazi zu nennen.»
Was ist ein Nazi? Der Begriff fordert eine klare Einteilung: entweder-oder. Das mag von einer starken Moral zeugen dessen, der den Begriff verwendet, steht aber im Weg, wenn es darum geht, Feinheiten zu beschreiben.
Der Historiker Michael Wolffsohn, durch seine mediale Präsenz gut bekannt, hat im Auftrag der Karajan-Stiftung noch einmal dem Nazi-Vorwurf gegen den Dirigenten nachrecherchiert, akribisch, mit Einblick in Quellen, die bislang nicht zur Verfügung gestellt wurden, etwa Karajans Briefe an seine beiden ersten Ehefrauen Elmy Holgerloef und Anita Gütermann. Wolffsohns entschieden vorgetragenes Fazit im Hinblick auf Karajans Nazismus: Formalnazi ja, Gesinnungsnazi nein.
Was den Formalnazi angeht, ist die Sache einigermaßen klar und keine Neuigkeit: Karajan war Parteimitglied, eingetreten 1935, offenbar als Voraussetzung, um in Aachen Generalmusikdirektor werden zu können. Zwei Jahre zuvor schon hatte der Dirigent, zu jener Zeit in Ulm tätig, Anträge zur Aufnahme in die NSDAP gestellt, auch hier wohl, um sich Karrierewege zu eröffnen: Den ersten Antrag am 8. April 1933 in Salzburg (damals noch Österreich), einen Tag nach dem Inkrafttreten des «Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums», das die Entfernung jüdischer Bürger aus dem Beamtenapparat vorsah und den «Ariern» eine Fülle an freien Stellen aufschloss. Dieser wie ein kurze Zeit später folgender Antrag wurden im Organisationschaos der NSDAP wohl nicht bearbeitet, die Daten sind gleichwohl in Karajans chaotischer Karteikarte vermerkt. Worin mancher Historiker den Hinweis auf einen besonderen politischen Eifer sah: Gleich dreimal sei Karajan in die Partei eingetreten – das ist für Wolffsohn vor allem Ausdruck eines bürokratischen Drunter und Drüber. Dass Karajan seine Parteimitgliedschaft im Entnazifizierungs-Verfahren nach dem Krieg offen eingestand und sie auch als Fehler bezeichnete, wertet Wolffsohn als Beweis, dass Karajan wenig zu verbergen hatte.
Wie die Karriere des Dirigenten während des Nazi-Regimes vorankam, wurde oft beschrieben. Auch Wolffsohn tut es noch einmal: wie Goebbels versuchte, Karajan zum Gegenspieler von Furtwängler aufzubauen, um den Älteren unter Druck setzen zu können; wie Göring, als preußischer Ministerpräsident Herr der Berliner Staatsoper, Karajan seinerseits benutzen wollte, um in der Rivalität mit Goebbels (dem die Philharmoniker unterstanden) Boden gut zu machen. In dieser Gemengelage versteht Wolffsohn durchaus wohlwollend Karajan wie Furtwängler eher als Objekte, die sich von den Nazis instrumentalisieren ließen, kaum als handelnde Subjekte. Eine zu freundliche Sichtweise? Ab dem Jahr 1942 stellt der Historiker einen Karriereknick Karajans fest, der so klar bislang nicht formuliert wurde. Der hatte wohl mit Hitlers offen geäußerter Abneigung gegen Karajans Dirigieren, mit dem fordernden Auftreten des Dirigenten, aber auch mit der Heirat mit Anita Gütermann (nach damaliger Bezeichnung eine «Vierteljüdin») zu tun. Goebbels hatte nach längerem Zögern sein Einverständnis für die Heirat gegeben. Karajan wurde in Aachen gekündigt und seine Verpflichtungen an der Berliner Staatsoper auf ein Minimum heruntergeschraubt bei verkürzten Bezügen. Wolffsohn nimmt all das als Beweis, dass sich Karajan keineswegs dem Regime andiente.
Ausführlich zählt der Historiker die Menschen jüdischer Herkunft auf, mit denen Karajan eng zu tun hatte und deren Nähe er nach dem Krieg offenbar suchte: darunter Leonard Bernstein, Bruno Walter und sein Konzertmeister Michel Schwalbé, der seine Familie im Holocaust verloren hatte und nach siebenmonatiger Bedenkzeit die Berliner Stelle antrat als «Zeichen der Aussöhnung». In einem Gespräch mit dessen Bogenbauer und Vertrauten Gregor Walbrodt erfuhr Wolffsohn vom besonderen Verhältnis Schwalbés zu Karajan, aber auch von den «zum Teil ganz offen nazistischen» Äußerungen mancher Orchestermitglieder ihm gegenüber. Die Nähe Karajans zu jüdischen Musikern dient in dieser Studie ebenfalls als Argument gegen eine Nazigesinnung Karajans.
Interessant ist die Vermutung Wolffsohns, Karajan sei als «Dominator» der Musikwelt nach dem Zweiten Weltkrieg auch einer «Dämonisierung» ausgesetzt gewesen. Jedenfalls verweist er ein ums andere Mal auf eine gewisse Lust mancher Historiker, Quellen negativ für Karajan auszulegen. Er selbst versucht sich in betont unverkrampftem Stil am Gegenteil, vermeidet Dramatisierungen (etwa im Falle früher antisemitischer Äußerungen Karajans) und überzogene Erwartungen. Karajan sei ein musikalisches Genie, aber kein Intellektueller gewesen, außerdem ein Mann von eher unbeholfenem sprachlichen Ausdrucksvermögen, wenn es nicht gerade um Musik ging. Als Entschuldigung führt Wolffsohn das nicht an, wohl aber als Erklärung.
WOLFFSOHN: GENIE UND GEWISSEN
Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Herder, Freiburg 2026 368 Seiten; 26,00 Euro
Opernwelt April 2026
Rubrik: Medien, Seite 41
von Clemens Haustein
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