Die Oper, die aus der Ferne kam
Am Anfang ist der Ton. Oder besser: Es sind vier Töne. Eine kleine Sekunde aufwärts, eine kleine Sekunde abwärts, dann ein Quartfall. Vier Töne, vier Silben: O-ce-a-ne. Noch bevor Oceane von Parceval, die geheimnisvolle Protagonistin von Detlev Glanerts gleichnamiger Oper, auf der Bühne erscheint, ist die Melodie ihres Namens schon präsent – als unbegleitete Vokalise. Das Viertonmotiv spinnt sich weiter, entwickelt sich aus einer verhangenen Moll-Anmutung in eine hellere Dur-Farbe.
Nach und nach kommt das Orchester dazu: Harfen zunächst, hohe Streicher, eine Solo-Violine wie ein Lichtstreif am Horizont, später der Goldglanz der Hörner. Nichts anderes als einen Sonnenaufgang hat Glanert hier komponiert und damit einen der schönsten Opernanfänge zur Musikgeschichte beigesteuert: großzügig im Puls, luxuriös im Klang, satt in den Farben. Schönheit und Melancholie reichen sich wie bei den Spätromantikern geschwisterlich die Hand.
Nicht aus der Tiefe, wie beim «Rheingold», wächst dieses Musiktheater empor, es kommt aus der Ferne immer näher – und verabschiedet sich am Ende auch wieder dorthin mit einem spiegelbildlichen Schluss. Die Ferne, das ist hier aber das horizontweite Meer, das ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Clemens Haustein
Kopf und Körper bandagiert, an den Rollstuhl gefesselt, Brille: Eine lebende Mumie ist dieser Mann, wie implantiert aus einem Beckett-Stück. Und auch die schnelle Verjüngung dank teuf -lischer Mächte ändert wenig: Aus diesem Endspiel in Kriegszeiten findet Faust nicht mehr heraus. Das Jenseits bleibt allgegenwärtig. Weiß Geschminkte wandeln wie lebende Tote durch...
Das Paradies? Nun ja, auf Erden wird man es vergebens suchen, dort, wo Lebewesen ihrer Identität häufig schon beraubt sind, noch bevor sie eine solche überhaupt entdecken und entwickeln können. Menschen wie Agnès, die im unschuldigen Alter von 14 Jahren von dem reichen «Protector» als Ehefrau vereinnahmt und in einen imaginären Glaskäfig gesteckt wurde, wo sie...
Herr Kerkhof, lieben Sie Beckett?
Aber ja, sogar sehr.
Warum?
Das lässt sich gar nicht so einfach sagen. Ich weiß nur, dass er mich seit vielen Jahren begleitet. Beckett war ein Autor, den ich als junger Mann unbedingt lesen und verstehen wollte.
Wann sind Sie seinen Stücken das erste Mal begegnet?
Mit 22, 23 Jahren. Wirklich wichtig wurde Beckett allerdings erst...
