Geschändet
Der Mond über Judäa, er leuchtet nicht. Nicht mal ein Blinzeln ringt er sich ab. Aber wie auch? Das Reich des Herodes liegt in einer hässlichen Unterweltstadt, am Rand der Zivilisation. Der Tetrarch herrscht in diesem Sündenpfuhl wie sein mythischer Vorfahre Pluton, allerdings mit dem Unterschied, dass nicht die Totengeister um ihn herumkriechen, sondern skurril kostümierte Menschenmonster – Abschaum einer Gesellschaft, deren größte Vergnügungen Vergewaltigung, Folterung und Mord sind.
Noch während der schwerverliebte und -bewaffnete, in einer schwarzen Kampfmontur steckende Narraboth (Tansel Akzeybek) mit glühender Emphase die Schönheit der Prinzessin Salome besingt, werden blutverschmierte, nackte (Puppen-)Leichen aus dem (durch eine Fensterfront begrenzten, in die massiven Quader hineingeschlagenen) Partyraum heraus und eine eiserne Treppe hinab auf ein felsiges Quadrat getragen, wo sie ein dreiköpfiges, in polyesterdicke gelbe Sicherheitsanzüge gewandetes Entsorgungskommando in Empfang nimmt und in eine Grube schüttet. Humanabfall, mit einem Pulver bestreut, das den abscheulichen Verwesungsgeruch zumindest partiell eindämmen soll. Lydia Steier begnügt sich bei ihrem Debüt an ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Der Ort ist pikant. Und mit tristen Bildern reichlich gefüllt. Nur wenige Steinwürfe von der Deutschen Oper Berlin wurde am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg vom West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras im Rahmen der Proteste gegen das iranische Schah-Regime Mohammad Reza Pahlavis getötet, mit einem Schuss in den Hinterkopf. Berühmt geworden ist das Foto,...
Dreihundert Mélodies hat Jules Massenet komponiert, mehr als jeder andere Komponist zwischen Berlioz und Poulenc. Dennoch nimmt er in der Geschichte des französischen Lieds nur einen Randplatz ein. Gewiss, mit der großen Liedlyrik von Duparc, Fauré oder Debussy kann er sich nicht messen. Die meisten Stücke sind Gelegenheitskompositionen, für den Salon bestimmt,...
Offenbach ist in unseren so unfest gewordenen Tagen besonders offen spielbar», schrieb Ernst Bloch vor bald einhundert Jahren über Jacques Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann». Das scheint auch die Regisseurin Andrea Schwalbach gedacht zu haben und ließ sich von Anne Neuser einen perspektivisch leicht schräg versetzten Salon aus dunkel gebeiztem, massivem Holz bauen...
