Gesang als Sprache der Menschlichkeit

Zeitgenössisches zum Spielzeitauftakt: Isabel Mundrys «Ein Atemzug – die Odysee», Nicholas Maws «Sophie’s Choice» und sieben neue Kurzopern in Berlin

Opernwelt - Logo

Am Ende singen sie doch noch. Geradezu erlösend wirkt der vokale Glücksmoment, den Isa­bel Mundry in ­ihrer «Odyssee» dem Helden und seiner Gattin Penelope vergönnt: Eine späte zwischen­menschliche Tonwerdung, an der auch die Vergänglichkeit dieser Begegnung nichts ändern kann. Denn obwohl Odysseus anschließend weiterziehen muss, hat er durch die Überwindung der Einsamkeit seine musikalische Sprache gewonnen.

Erst durch die Erfahrung der Liebe wird er fähig, die Grundfrage des Lebens zu stellen: «Was ist der Mensch?» Das Ende dieser Oper wirkt wie ein Nachwehen Schubert’scher Wehmut. Zugleich ist dieses Ende jedoch auch fragmentierter Anfang eines neuen Lebens, in dem die Kunst als Mittel der Selbsterkenntnis leiten wird.
Es ist eine tröstliche Botschaft, die Isa­bel Mundry in «Ein Atemzug – die Odyssee» verkündet. Zugleich ist die an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführte neue Oper ein schlüssiger Lösungsversuch für das Grundproblem avantgardistischen Musiktheaters: Wo jede Lauterzeugung potenziell ein musikalischer Bedeutungsträger sein kann, gilt es, den Gesang als besonderes, zentrales Ausdrucksmittel zu rechtfertigen. Die innere Dramaturgie von Mundrys «Odys­see» schafft genau ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Nicolai Gedda ist auch dabei

Noch heute sind die Burg von Turku in der Nähe des südlich gelegenen Hafens und der Dom am Nordrand des Zentrums Eckpfeiler ­einer Stadtbesichtigung. Zwei auf Schwedisch komponierte Opern (bis 1800 war Turku als Åbo die zweitgrößte schwedische Stadt!) spiegeln die Historie an diesen zentralen Orten: «Daniel Hjort» von Selim Palmgren spielt 1599 auf der Burg und...

Mut der Verzweiflung

Alexander von Zemlinsky ist in der argentinischen Kapitale so gut wie unbekannt. Von seinen wichtigen Werken war in Buenos Aires lediglich die «Lyrische Symphonie» zu hören (1997). Die Maeterlinck-Lieder, die Quartette, das Trio – all dies harrt nach wie vor einer Aufführung. Das Gleiche galt bis vor kurzem für Zemlinskys Opern. Erst der ehemalige Colón-Intendant...

Götzendämmerung in der Wüste

Darauf war man gespannt: wie Nigel Lowery, kaum dass «Katrina» ab­geklungen war, «seinen» Hurrikan auf Mahagonny zurasen lässt. Dass seine Arbeit an «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» bereits fortgeschritten war, als die Jahrhunderttragödie über New Orleans hereinbrach – gewiss. Dass ihm – vor lauter Schreck? – außer einer sich ängstlich zusammenrottenden und...