Gemischter Klang, gespaltene Gefühle
«Diversity of opinion about a work of art shows that the work is new, complex and vital», schrieb Oscar Wilde im Vorwort zu «The Picture of Dorian Gray». Anhänger der neuen Live-Einspielung von Wagners «Ring des Nibelungen» unter Christian Thielemann mögen diesen Aphorismus ins Treffen führen. Zumindest divergieren die Reaktionen auffallend. Dass jedoch solch unterschiedliche Meinungen für Neuheit, Komplexität und Vitalität stehen, erscheint bei dieser Aufnahme eher zweifelhaft. Zu groß ist etwa das Gefälle zwischen Dirigent und Sängern.
Auch aufnahmetechnisch kann man einiges bemängeln.
Schon beim Vorspiel zum «Rheingold», ist man hin- und hergerissen. Ein Meer wie aus Bernstein, schemenhaft darin wie träge Fische die Motivgestalten: Seltsam unbestimmt klingt das Orchester der Wiener Staatsoper, wie mit dem Weichzeichner abgebildet – man muss die Anlage voll aufdrehen, um Details einigermaßen wahrzunehmen. Dies gilt beinahe für die gesamte Tetralogie. Es hört sich an, als hätten Dirigent und Tontechnik es darauf angelegt, den zum Spaltklang tendierenden offenen Graben der Staatsoper zu ignorieren und einen Bayreuth-ähnlichen, gedeckelten (Misch-)Klang herzustellen. Nicht ...
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Opernwelt September/Oktober 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 44
von Gerhard Persché
I. Der Alidoro von Caracas
Womit beginnen? Mit der poetischen Besinnlichkeit der Eröffnungsrede von José Antonio Abreu, dem Alidoro von Caracas, dessen Sistema die Aschenputtel aus den venezolanischen Slums zu musikalischen Prinzen und Prinzessinnen machte? Das Youth Orchestra of Caracas ist ein wundersames Beispiel dafür; beim Eröffnungsakt lässt es die...
Die Stimme ist dunkler und voller geworden, hat sich vom lyrischen Sopran zum lirico spinto mit substanzreichen Tönen in der tiefen Lage entwickelt, die gerade für die
Partie der Lady Macbeth unerlässlich sind. In der ersten Szene der Lady erweist sich Anna Netrebko als veritable donna di forza. Für das Lesen des Briefes («Nel dì della vittoria io le incontrai»)...
Bis auf den «Fliegenden Holländer» ist der Katalog der großen Werke Wagners bei dem von Ádám Fischer vor acht Jahren initiierten Festival «Wagner in Budapest» jetzt vollständig: Mit den «Meistersingern von Nürnberg» feierte die ungarische Hauptstadt den 200. Geburtstag des Meisters. Dank Schwiegervater Franz Liszt und seiner ungarischen Mitstreiter galt Budapest ja...
