Geist der Utopie
Vielleicht war Dieter Schnebel unter den Komponisten der Nachkriegsavantgarde derjenige, der die Grenzen des Experimentellen am weitesten erforschen konnte. Das Reflektieren, Probieren auf den Feldern des musikalisch Neuen betrieb der Musikwissenschaftler, Theologe, Essayist und Hochschullehrer bis ins hohe Alter. Noch kurz vor seinem Tod am 20. Mai präsentierte er im kleinen Berliner Buchhändler-Keller das auf Wortnotationen und Zeichnungen basierende (und von ihm überarbeitete) Buch «Mo-No – Musik zum Lesen».
Der 1930 im südbadischen Lahr Geborene, der in Freiburg und Tübingen Philosophie, Theologie und Musikwissenschaft studiert hatte und zunächst in die evangelische Seelsorge gegangen war, besuchte in den frühen 1950er-Jahren die Darmstädter «Ferienkurse für Neue Musik», beteiligte sich dort an den heißen ästhetischen Debatten mit Adorno oder Varèse, Scherchen, Stockhausen oder Boulez. Danach wurde Schnebel Religionslehrer an einem Münchner Gymnasium, gründete dort mit Schülern eine Arbeitsgemeinschaft Neuer Musik; Cage stellte sich tagelang als Mentor zur Verfügung.
Schon früh hatte sich Schnebel mit räumlicher und mobiler Musik beschäftigt, mit «sichtbarer Musik», die er ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Frau Carp, gibt es so etwas wie einen Leitgedanken, der die von Ihnen konzipierten Programme der Ruhrtriennale trägt?
Ja. Ich habe ihn «Zwischenzeit» genannt. Das ist kein Motto, sondern ein offener Begriff, der die Umbrüche, Unsicherheiten und starken gesellschaftlichen Veränderungen beschreibt, die auf uns zukommen und die wir teilweise schon erleben. Aber er...
Steht man vor den großen Opern und Kunstmuseen in Europa oder Amerika, ist die Assoziation Tempel, Palast, Festung fast unvermeidlich. Schier uneinnehmbar scheinen sie, Treppen führen hinauf zur hohen Kunst: «Meisterwerke» wie Gehäuse für die Ewigkeit bestimmt, das schlechthin Museale als «Einschüchterung durch Klassizität» (Bertolt Brecht). Doch alles bleibt...
Vorhang auf. Gemüseschnippeln in der Küche eines asiatischen Restaurants, passgenau dazu perkussive Klänge aus dem Orchestergraben wie zu einer Kochshow: Da lacht das Koblenzer Publikum. Wer jedoch 2014 die Frankfurter Uraufführung von Peter Eötvös’ «Der goldene Drache» auf das gleichnamige Schauspiel von Roland Schimmelpfennig gesehen hat, weiß: Dieses Lachen ist...
