Funkenflug
Nach gehörig zackigem Beginn: alles ein großer Seufzer. Die äußeren Umstände, der falsch gedeutete Scheintod der Giulietta, das verzweifelt vorzeitig genommene Gift zum Tode des Romeo, all das ist nur die schnöde Außenwelt eines inneren Dramas, das sich in Bellinis überlangen Bögen abrollt vom ersten Moment an, als Rosa Feola, «in lieta vesta», zur Hochzeit mit dem Falschen geschmückt, in ihrer Wohnzelle sitzt. Sehr langsam und sehr genau folgt sie dem Andante maestoso, ihrer großen Romanze.
Unendlich traurig geht sie nach vorn, nimmt den Brautschleier ab - wir sehen diese schlimme, von Krieg und hartem Väterwillen bestimmt Welt von nun an mit ihren Augen, auch den strahlenden Liebenden von der Feindesseite. In Felice Romanis Libretto, jenseits von Shakespeares langen Schatten (aber auf der gleichen Quelle gründend), sieht es in dieser jungen Frau sehr viel ambivalenter, schutzlos prekärer aus: Darf sie Pflicht, Anstand, ihre Leute, alles vergessen für diesen Romeo? Und so unendlich traurig, strömend, mit fragilen piani und berückendem messa di voce diese Sängerin gleich ihren ersten Auftritt formt, wird klar: Jungmädchenglück ist hier keine Option, es gilt nur Flucht oder Tod, so ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
Der Seeheld glaubt, er sei durchaus berechtigt, seiner vermeintlich untreuen Braut das Leben zu nehmen. Denn er kann sich dabei – kaum zu glauben, aber wahr – auf eine in Italien noch bis vor wenigen Jahrzehnten gültige Rechtsordnung berufen, in der die Tötung aus Eifersucht zu den Kavaliersdelikten zählte. Jedenfalls bei männlichen Tätern. Regisseur Allex Aguilera...
Der Waldweg nach La Verna ist beschwerlich. 120 Kilometer nördlich von Assisi liegt die Einsiedelei, die der Graf Orlando dei Cattani einst dem Franz von Assisi als Rückzugsort anbot. Die heilige Ruhe dort sei geeignet für die Betrachtung Gottes. Als der heilige Franziskus den Berg besucht, empfängt ihn «eine große Schar Vögel unter fröhlichem Singen und...
Frauen galten historisch nicht sehr oft als genial (was ja ohnehin ein anderes Wort für hochbegabt und sonderbar ist), aber auch als hochbegabt und sonderbar galten Frauen selten. Lieber nannte man sie überspannt und anstrengend, zum Beispiel. In Opernlibretti sind Frauen fast ausnahmslos Liebende und Leidende; die Leidenschaften gehen mit ihnen durch. Wenn sie...
