Palimpsest
Warum spuckst du mich an?», fragt Richard die aufgebrachte Anne, die Witwe des Prinzen Edward, den er auf dem Gewissen hat. Von ihrem Speichel getroffen, hat sich zuerst der Tänzer Richard zusammen -gekrümmt, der dessen Körper darstellt. Dann der Sänger, der wohl seine Seele verkörpert. Und zuletzt reagiert eben der Schauspieler, das Sprachrohr seines Intellekts. Denn Richard III. ist an diesem Abend dreigeteilt. Oder besser: verdreifacht. Shakespeares «Richard III.
», komponiert von Henry Purcell? Als Semi-Opera, als Masque, als Schauspielmusik? Nun, ein solches Stück ist nicht überliefert und die Produktion des MusikTheaters an der Wien in der Kammeroper deshalb ein neu geschaffenes Pasticcio über den Despoten, der das Publikum zu seinem Komplizen macht. Richards «ganzes schändliches Leben und sein wohlverdienter Tod», so der Untertitel des Shakespeare-Erstdrucks, werden hier stark eingekocht und zusammen mit ausgewählten Vokal- und Instrumentalstücken Purcells und mancher Zeitgenossen gesungen, getanzt und gespielt.
Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht, hat sich dabei Kateryna Sokolova gefragt. Einerseits zieht die Regisseurin die Nebenrollen in einem fünfstimmigen ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Walter Weidringer
Er ist einer, der die Welt der Kunstmusik gern auf den Kopf stellt. Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas tut das immer wieder – immer wieder überraschend und immer wieder fruchtbar. Als im Jahre 2000 die FPÖ in die Regierung des ÖVP-Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel eintrat, komponierte er das mittlerweile legendäre Ensemblestück «In vain», das über...
Der Seeheld glaubt, er sei durchaus berechtigt, seiner vermeintlich untreuen Braut das Leben zu nehmen. Denn er kann sich dabei – kaum zu glauben, aber wahr – auf eine in Italien noch bis vor wenigen Jahrzehnten gültige Rechtsordnung berufen, in der die Tötung aus Eifersucht zu den Kavaliersdelikten zählte. Jedenfalls bei männlichen Tätern. Regisseur Allex Aguilera...
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