«Funkelnagelneues Spiel im funkelnagelneuesten Styl»
Ein Klavier ist ein Klavier ist ein Klavier? Weit gefehlt. Schon ein oberflächlicher Vergleich zeigt, wie beträchtlich die Unterschiede zwischen jenen Tasteninstrumenten, die im Barock, in der Klassik und noch in der Romantik verwendet wurden, und einem modernen Konzertflügel sind. Die Musikwelt teilt sich hierbei in zwei Parteien: Die eine frönt dem historisch informierten «Originalklang», die andere verweist, nicht ganz zu Unrecht, auf die enormen gestalterischen Möglichkeiten, die sich im Verlauf der Musikgeschichte aufgetan haben.
Eine «Wahrheit» gibt es, wie generell in der Kunst, nicht. Aber es gibt die Möglichkeit zum Diskurs: Und der erhält mit der Neuaufnahme von Schuberts «Schöner Müllerin» erheblichen Sprengstoff.
Dass der unvergleichliche Georg Nigl auch diesem Zyklus seinen Stempel aufdrückt, durfte man erwarten. Den «Schock» bereitet das Instrument, auf dem Alexander Gergelyfi ihn begleitet. Ein Tafelklavier ist’s, 1810 von Carl Withum angefertigt und im vergangenen Jahr durch Andreas Hermert gründlich restauriert. Ein kompaktes Schmuckstück aus edlem Ahorn, das allein seiner Maße wegen (147 mal 55,5 Zentimeter) ins Auge sticht. Die Klaviatur reicht über fünf Oktaven vom großen F bis zum dreigestrichenen F, was für Schubert genügt; als Pedale benutzt man zwei Kniehebel, die sich unterhalb des Unterbodens befinden; eines für die Dämpfungsaufhebung, eines für den Lautenzug. So weit die Bedingungen.
Was Gergelyfi und Nigl daraus machen, ist ein kleines, feinnerviges Wunder, allerdings eines, dessen man nicht beim ersten Hören gewahr wird. Der Klang des Tafelklaviers ist gewöhnungsbedürftig, doch wer sich offen dafür zeigt, in diese «Welt» eines genuin schütteren, in den Höhen spillerigen, im Bass brüchigen Tonfalls einzutauchen, kann sich der Magie dieser Darbietung bald nicht mehr verwehren. Ein wesentlicher Grund ist die phantastische Wortausdeutung Nigls, der noch den zartesten Schlenker des Wanderwegs zum Ausdruck bringt. Ein anderer liegt in der Dramaturgie dieser Ausnahme-Aufnahme begründet. Das Gespann hat sich dafür entschieden, auch die unvertonten Gedichte Wilhelm Müllers «mitzunehmen» auf diese wundersame Reise durch die Gefühlslandschaft des jungen Burschen, und das erweist sich als Glücksfall vor allem deswegen, weil Georg Nigl ein begnadeter Erzähler ist, ein Märchenonkel, dessen Aufforderung zur «Wanderung» im Entrée mit dem Titel «Der Dichter, als Prolog» («Ich lad’ euch, schöne Damen, kluge Herrn / Und die ihr hört und schaut was Gutes gern, / Zu einem funkelnagelneuen Spiel / im allerfunkelnagelneusten Styl») man nur zu gern folgt. Es ist wirklich ein «unerhörter» Genuss, wie pointiert Nigl die Worte formt, wie er ihrem Rhythmus, ihrem Klang und ihrem Melos folgt, ihrem betörenden Esprit, wie er Pausen einsetzt, um die Spannung zu erhöhen, und mit welch feiner, leiser Ironie er uns verlockt.
Wenn er dann die hell-durchdringende, leicht nasale Stimme zum Gesang erhebt, bleibt die Faszination erhalten. Nigl «singt» diesen Zyklus nicht einfach nur, er versteht sich als Alter Ego des Müllerburschen, und man kann sich förmlich vorstellen, wie wenig «Lust» dieser junge Mann eigentlich empfindet, wissend, was ihn (nicht) erwartet, und wie sehr er leidet unter den «Rädern», und den schweren «Steinen», die ihn umgeben und denen Alexander Gergelyfi auf dem Tafelklavier klare Konturen verleiht. Wo das Rad stockt, stockt auch die Musik, wo die Steine zu schleppen sind, schleppt sie sich stockend dahin. Vielleicht liegt darin auch im Folgenden die eigentliche Qualität dieser zugleich ungemein hermetischen wie auch lausbubenhaft freien Interpretation: dass sie den Worten des Dichters Gestalt verleiht und nicht danach strebt, große Kunst zu zelebrieren. Um das auch als Haltung zu verdeutlichen, dehnen Nigl und Gergelyfi die Agogik in manchen Liedern (so etwa in dem Stück «Wohin?») bis ins Unziemliche, aber sie tun dies nie mit dem Gestus des Manierierten, sondern mit dem Wissen darum, dass Schubert selbst dieses Zaudern in den Worten Müllers entdeckte und entsprechende Töne und Akkorde dafür fand. Auch daraus resultiert die schier unfassbare Faszination dieses Albums: Man fühlt sich wie von Geistes Hand zurückversetzt in die Zeit, als die Gedichte geschrieben und die Musik komponiert wurde, man kann den Wanderer «sehen», wie er sich abmüht auf dem Weg zur Liebe, der ihn aber nicht zur Liebe führt, und man kann seine Seufzer hören, wenn er mit dem Bach «disputiert» und schließlich resigniert das Handtuch wirft, er, der Traurigste von allen.
SCHUBERT: DIE SCHÖNE MÜLLERIN
Georg Nigl (Bariton), Alexander Gergelyfi (Tafelklavier)
Alpha Classics 1252 (2 CDs); AD: 2025
VERLOSUNG Am 10. September um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55
Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Medien, Seite 55
von Jürgen Otten
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