Fremde sind wir uns selbst

Medea, in welcher Gestalt sie vor uns hintritt, ist in allen Künsten noch heute die Frau, die das Andere verkörpert. Ist es auch in all den Opern, die über sie geschrieben wurden, wie ein Blick auf zeitgenössische Vertonungen von Bernd Alois Zimmermann, Robert HP Platz, Aribert Reimann und Pascal Dusapin belegt. Ein Essay

Opernwelt - Logo

Sie ist die vermutlich faszinierendste mythisch-mystische Figur der Kulturgeschichte: Medea, die zauberkundige, liebende, hassende, schließlich rasende Königstochter aus Kolchis.

Mehr als 300 Anverwandlungen in Literatur, Bildender Kunst und Musik(theater) haben versucht, ihr Wesen, ihre Andersartigkeit, die schillernde Psychologie dieser Figur zu ergründen, und vor allem Dramatiker und Komponisten haben sich ihrer angenommen – von Euripides und Seneca über Pierre Corneille, Marc-Antoine Charpentier und Luigi Cherubini, von Franz Grillparzer und Georg Anton Benda bis hin zu Hans Henny Jahnn, Christa Wolf, Sylvia Plath, Heiner Müller, Rolf Liebermann, Aribert Reimann, Pascal Dusapin, Robert HP Platz und Bernd Alois Zimmermann. So vielfältig die Filiationen, so divers die ästhetischen Mittel, die eingesetzt wurden, um Rat wissenden Fremden und ihrem Geheimnis näher zu kommen. Ansätze dazu gibt es. Doch der Medea-Diskurs geht weiter

Ich sehe und höre sie vor mir: Isabelle Huppert in Avignon beim Theaterfestival von 2000 als Medea im Theaterstück von Corneille von 1636, und ich höre in der musikalischen Nachwirkung eines musikalischen Bildporträts die «Médée» von Eric Duphly für ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Heiner Müller und das Musiktheater, Seite 34
von Martin Zenck

Weitere Beiträge
Warten auf Godot

Das öffentliche Interesse war enorm, als Markus Gabriel, damals der neue Star am deutschen Philosophenhimmel, 2013 ein Buch mit dem Titel «Warum es die Welt nicht gibt» schrieb. Allein die Vorstellung, diese Welt, wie wir sie kennen, existiere nicht, sorgte für erheblichen Diskussionsstoff. Dass Gabriels Theorem, das natürlich ein trick­reiches war, weil es nur...

Geniestreiche und Kopfgeburten

Die dritte Welle der Pandemie scheint überstanden. Man blickt zurück. «À la recherche du temps perdu»? Nein, eine «verlorene Zeit» ist es nicht gewesen. Es war eine Zeit des Innehaltens, eine Zeit zum Ordnen von Eindrücken, zum Überdenken von Positionen, auch eine Zeit des In-Frage-Stellens. Was ist haften geblieben von den Eindrücken, wie Oper unter erschwerten...

Choreografie der Welt

Seine Neigungen waren vielfältig. Joseph Beuys, vor 100 Jahren geboren, war nicht nur Aktionskünstler, Gesamtkunstwerker, Bildhauer, Zeichner, Medailleur und Kunsttheoretiker, er war zudem ein großer Musikenthusiast. Doch nicht unbedingt im konventionellen Sinne. Das Phänomen Klang bildete für ihn eine besondere semantische Konstante, und als solche betrachtete er...