Freiheit durch Präzision
Immer wieder gab es Zeiten, da glaubten Komponisten, sie könnten mit Musik die Welt verändern. Das gilt, grosso modo, auch für die Heroen der Nachkriegsavantgarde. Heute würde man eine solche Haltung wohl für naiv halten, vielleicht sogar verspotten.
Doch ist es nicht gerade eine beinahe kindliche Naivität, die im Zentrum von Karlheinz Stockhausens künstlerischem Denken steht? Zumal im Zentrum seines gigantomanischen «Licht»-Zyklus? In «Donnerstag», dem dritten Stück der Heptalogie, das nun an der Opéra Comique seine französische Erstaufführung erlebte, herrscht Luzifer den Engel Michael an: «Du bist ein hoffnungsloser, naiver Narr.» Am Ende gewinnt dieser naive Narr freilich die Oberhand.
Mit dieser hinreißenden Produktion bestätigt sich der Eindruck, dass das derzeit innovativste, risikofreudigste Pariser Opernhaus an der Place Boieldieu steht. Stockhausen – das ist an diesem Ort womöglich ein noch größeres Abenteuer als anderswo. Ein Abenteuer, das allen, die dabei waren, ein unvergessliches Erlebnis bescherte. Schon die mit Wagner konkurrierenden Maße des «Donnerstag» sprengen den an der Opéra Comique üblichen Rahmen. Und nach wie vor kann man von einer Rarität sprechen: Seit ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Christian Merlin
Nebel in dichten Schwaden. Von den Seitenbühnen, im Zuschauerraum. Im roten, grünen und blauen Gegenlicht wird das wabernde Trockeneis zu einem unergründlichen Ozean, in dem sich die Umrisse von drei Gestalten abzeichnen: Es könnte der Beginn einer «Rheingold»-Inszenierung sein. War es im Grunde auch. Ganz ähnlich hatte es 1988 im Bayreuther Festspielhaus begonnen....
Für einmal nicht «Hänsel und Gretel», sondern «Aschenputtel». Doch nicht von Rossini (und auch nicht von Massenet), sondern aus der Feder einer der bedeutendsten Sängerinnen der Operngeschichte. Pauline Viardot, die erste Fidès in Meyerbeers «Le prophète», die seit 1841 regelmäßig als «Cenerentola» in Rossinis Oper brilliert hatte, ließ 1904 eine einaktige Operette...
Die Terroristin trägt Prada. Schulterfrei. Lang, in eleganten Wellen, fließt die glutrote Seide an Medeas Körper herab, schmückt sie mit majestätischer Aura. Doch wie anders ist das Empfinden der gottgleichen Zauberin. Diese Frau, in deren Leben seit jeher die großen, gemischten Gefühle dominierten, ist nun durchglüht von heiligem Zorn. Zorn auf die Welt, auf die...
