Frauenliebe und -leiden

Das Festspielhaus Baden-Baden etabliert sich mit einem sängerisch hochklassigen «Tannhäuser» als Gegen-Hügel

Opernwelt - Logo

Ist’s ein Engel? Glaubt man Wolfram, der das Wort späterhin im «Tannhäuser» benutzt, um seinen abtrünnigen Sangesbruder Heinrich zu retten, müsste man es annehmen. Doch ein Engel würde wohl kaum die «allmächtige Jungfrau» bemühen, um seine zerrüttete Seele in die nötige Balance zu bringen. Und eben dies tut Elisabeth, kaum ist der Chor der Pilger vorübergezogen, in weißes Leinen gehüllt wie sie selbst, in höchster Lebensnot. Eine Wandlung geht hier vor, die musikalisch faszinierend gestaltet ist.

Vom geheiligten, nachgerade gottvollen Es-Dur, jener Tonart, die das Werk beschließen (und damit letztgültig die E-Dur-Erregung des Venusbergs bannen) wird, schleicht die Musik über f-moll zur Dominante von G, einem D-Dur-Dominantseptakkord. Käme nun das Auftrittslied der Elisabeth, «Dich grüß’ ich, teure Halle», würde diese Dominante folgerichtig «landen», in G-Dur. Doch kaum hat das «Gebet» begonnen, verwandelt sich der Akkord in enharmonischer Verwechslung (Fis-Ges) und chromatisch vom C zum Des hinaufrückend in die Dominante der neuen Tonart Ges-Dur. Und dies mit hinreichendem Grund: Es hat sich etwas verändert in dieser Welt. Grundsätzlich.
Und dann steht er da, inmitten der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2008
Rubrik: Festspiele I, Seite 12
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Von Schuld und Sühne, Tod und Leben

Der Titel sticht ins Auge, noch bevor die Ohren angeschaltet sind. «Gods, Kings & Demons» – so prangt, neben kosmisch-solarer Scheibe, das wohlgewählte Wort-Dreigestirn auf dem Booklet der ersten Soloaufnahme des deutschen Bassisten René Pape mit der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Sebastian Weigle. Es sei dies, erfahren wir dann von Pape, eine...

Schotten ohne Schotter

Geiz ist doch geil! Bei seiner Inszenierung von François Boieldieus «Die weiße Dame» spart Axel Köhler ein Drittel der schottischen Schauerkomödie – und tut damit das einzig Richtige. Um die 1825 uraufgeführte opéra comique für das Publikum von 2008 zu retten, muss man rigoros in Libretto und Partitur eingreifen. Also ersetzt der als Countertenor wie Regisseur...

Bayreuther Meilensteine

Zum Wesen des Skandals gehört eine Halbwertzeit, die gegen null tendiert. Je größer die Aufregung, je lauter das Gebrüll, desto schneller ist die Querele verflogen. Oft kann man sich schon wenige Tage nach den Tumulten nicht mal mehr genau an den Casus Belli erinnern. Plötzlich gilt die soeben noch heftig befehdete Sache als hip, man jubiliert, gibt sich mit dem...