Flüstern und Schreien

Calixto Bieito zeigt in seiner Inszenierung von Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» am Grand Théâtre de Genève ungeschönt die Brutalität sexueller Unterwerfung, Alejo Pérez entwirft entsprechend drastische Klangbilder

Opernwelt - Logo

Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande keimen in diesem Ambiente nicht einmal ansatzweise auf. Der (fraglos unfruchtbare, ja massiv umweltverschmutzte) Schlamm auf dem Bühnenboden des Grand Théâtre de Genève ist sogar so tief, dass das Regieteam einschließlich des Dirigenten zum Schlussapplaus in Gummistiefeln erscheint, um die eigene Premierenrobe nicht zu verunreinigen.

Wenn indes Katerinas sadistischer Schwiegervater Boris aus dem düster-infernalischen Industriedesign ihre in klinisch kaltes Küchenweiß getauchte gute Stube betritt, dann putzt dieses Schwein von Mann (Dmitry Ulyanov verleiht dem üblen Patriarchen bassgeschmeidige Hinterlist) ganz brav seine Cowboyboots. Es dürfte die einzige an diesem Unort noch befolgte Anstandsregel sein. Ansonsten herrscht hier das ungeschriebene radikale Recht des Stärkeren, wie es gemeinhin dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird – und wie es in diesem durch enthemmte Horden von Arbeitern in dreckigen Overalls geprägten apokalyptischen Komplex keinerlei Korrektiv kennt. Boris mag der rohen Masse Mann punktuell zwar noch Einhalt zu gebieten, wenn er den Vergewaltiger der Köchin Aksinja (Julieth Lozano gibt sie entgegen dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Der Nihilist und sein Narr

Sein oder Nichtsein, das ist hier zunächst nicht die Frage. Jedenfalls nicht die allesentscheidende. Man muss schon etwas (und aufmerksam) weiterlesen in Hamlets berühmtem, meist unzulässig verkürzt verstandenen Monolog zu Beginn des zweiten Aufzugs von Shakespeares Drama, um wirklich zu verstehen, was den Dänenprinzen umtreibt, was ihn quält, was ihn zum...

Grauschwarzweißkariert

Ein Mann, kein Schuss, kein Tod. So geht (sehr frei nach einem Buch des famosen und fußballbegeisterten Feuilletonisten Helmut Böttiger) Oper, wenn die Regie es will, auch in Tschaikowskys «Eugen Onegin». Also steht David Lees Lenskij, der seine letzten Worte vorher mit berührender Innigkeit gesungen hatte, einfach wieder auf, nachdem ihn Eugen Onegin (ein...

Mut zum Moment

Herr Zeppenfeld, Anfang Februar haben Sie an der Dresdner Semperoper die Titelpartie in Verdis «Attila» gesungen, es folgte der Graf Rodolfo in Bellinis «La sonnambula». Ist es eine Genugtuung, dass Sie endlich wieder im italienischen Fach besetzt werden?
Irgendwie schon. Das Fach wird ja deutschen Sängern normalerweise nicht zugetraut. Und es ist eine Self-fulfill...