Flüstern und Schreien
Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande keimen in diesem Ambiente nicht einmal ansatzweise auf. Der (fraglos unfruchtbare, ja massiv umweltverschmutzte) Schlamm auf dem Bühnenboden des Grand Théâtre de Genève ist sogar so tief, dass das Regieteam einschließlich des Dirigenten zum Schlussapplaus in Gummistiefeln erscheint, um die eigene Premierenrobe nicht zu verunreinigen.
Wenn indes Katerinas sadistischer Schwiegervater Boris aus dem düster-infernalischen Industriedesign ihre in klinisch kaltes Küchenweiß getauchte gute Stube betritt, dann putzt dieses Schwein von Mann (Dmitry Ulyanov verleiht dem üblen Patriarchen bassgeschmeidige Hinterlist) ganz brav seine Cowboyboots. Es dürfte die einzige an diesem Unort noch befolgte Anstandsregel sein. Ansonsten herrscht hier das ungeschriebene radikale Recht des Stärkeren, wie es gemeinhin dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird – und wie es in diesem durch enthemmte Horden von Arbeitern in dreckigen Overalls geprägten apokalyptischen Komplex keinerlei Korrektiv kennt. Boris mag der rohen Masse Mann punktuell zwar noch Einhalt zu gebieten, wenn er den Vergewaltiger der Köchin Aksinja (Julieth Lozano gibt sie entgegen dem ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Peter Krause
Die Schwestern Nadia (1887–1979) und Lili Boulanger (1893–1918) gehören zu den Ikonen der Gender-Musikgeschichtsschreibung. Die frühverstorbene Lili, in Nadias Überzeugung die erste bedeutende Komponistin, hinterließ ein schmales, aber gewichtiges Œuvre. Nach Lilis Tod empfand Nadia ihr eigenes Schaffen als «überflüssig», gab das Komponieren auf und stellte ihr...
Hätte irgendeine Art von Schöpfer auf Bazon Brock gehört, der Tod wäre längst abgeschafft. Doch dann gäbe es auch Claudio Monteverdis «L’Orfeo» nicht. Die berühmte Favola in Musica von 1607, die vom Leuchten und vom Leid des großen Sängermenschen und Menschensängers Orfeo in derart schönen, schmerzvollen Tönen erzählt, dass man ihr Fehlen – gäbe es sie nicht – als...
Wir alle kennen die Arbeiten von Barrie Kosky. Und die meisten von uns lieben seine Produktionen. Koskys zehnjährige Intendanz an der Komischen Oper wurde geprägt von gefeierten Wiederentdeckungen und quietschbunten Produktionen; häufig mit dem Choreografen Otto Pichler an seiner (tänzerischen) Seite. Und wer bei den Aufführungen von Koskys Inszenierungen von...
