Dunkle Räume, helle Puppen
Hätte irgendeine Art von Schöpfer auf Bazon Brock gehört, der Tod wäre längst abgeschafft. Doch dann gäbe es auch Claudio Monteverdis «L’Orfeo» nicht.
Die berühmte Favola in Musica von 1607, die vom Leuchten und vom Leid des großen Sängermenschen und Menschensängers Orfeo in derart schönen, schmerzvollen Tönen erzählt, dass man ihr Fehlen – gäbe es sie nicht – als Mangel empfinden würde: ein Paradox, wie es in einem (zu) oft bemühten Geburtstagslied zum hohlen Ausdruck kommt: «Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.» In der Hannoveraner Interpretation von Silvia Costa existiert in der Tat überraschend ungeborenes Leben: Euridice ist – bevor sie (was wir bekanntlich gar nicht sehen, sondern nur zugetragenbekommen) durch einen Schlangenbiss stirbt – schwanger. Auch schafft sie es nach der nicht gezeigten Geburt noch, kurz von links mit dem zeitlos designten Kinderwagen aufzutreten. Surreal vollziehen die Bühnenmenschen auch bald Bewegungen im expressiven Gleichschritt. Das ist hochsymbolisch – und gleichzeitig herrlich losgelassen, im besten Sinne «sinnlos» und doch sachdienlich: Wir erleben eine tragische Hypnose, ein Trauer-Delirium. Entsprechend liegt ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Arno Lücker
Wenn ein Reisender in einer Winternacht … Ja, wenn also dieser Reisende in einer Winternacht (oder im Morgengrauen) nach Russland kommt und schon im Zug auf einen Mörder sowie einen bleichen Beamten trifft, nicht ahnend, dass auf der Sitzbank hinter ihm eine Tote liegt, dann kann man eigentlich sein gesamtes Vermögen darauf verwetten, dass man sich in einem Roman...
Ein Mann, kein Schuss, kein Tod. So geht (sehr frei nach einem Buch des famosen und fußballbegeisterten Feuilletonisten Helmut Böttiger) Oper, wenn die Regie es will, auch in Tschaikowskys «Eugen Onegin». Also steht David Lees Lenskij, der seine letzten Worte vorher mit berührender Innigkeit gesungen hatte, einfach wieder auf, nachdem ihn Eugen Onegin (ein...
Man muss nicht zwingend ein Buddhist sein, um den tieferen Charme dieses Satzes zu begreifen, seine gerade auf die Defizite der westlichen Spätmoderne anwendbare weltanschauliche Evidenz: «Der Weg ist das Ziel.» Bei der Premiere von Messiaens Musiktheater «Saint François d’Assise» Ende September 2002 an der San Francisco Opera wurde das philosophische Bonmot zu...
