Fluch der Vergangenheit

Verdis «Trovatore» in drei höchst unterschiedlichen Lesarten: hintergründig-kühn am Theater Bielefeld, psychologisierend an der Deutschen Oper am Rhein zu Düsseldorf, ziemlich verworren an der Staatsoper Hannover

Opernwelt - Logo

Von Walter Benjamin stammt die scharfsinnige, nur bedingt anfechtbare These, Schicksal und Charakter würden einander ausschließen: «Wo das Schicksal herrscht, sei, so der Philosoph, «für Charaktere, die standhalten, kein Platz, und wo sich Charaktere ungebrochen behaupten, bleibt das Schicksal fern.

» In den Opern Verdis ist meist Ersteres der Fall, wobei man beileibe nicht behaupten möchte, ein Macbeth und ein Simon Boccanegra, eine Donna Leonora und ein Don Alvaro, ein Rigoletto oder eine Violetta Valery besäßen keine signifikanten, sich den negativen Verlaufskurven ihres Lebens widersetzenden «Charaktere». Doch wie sie sich auch winden und wehren, nie je reicht dieser Wille zur Umkehr aus, um Fortunas wirrem Walten zu entgehen. Ihre unbestimmbare Macht ist stärker, sie setzt sich durch. Und am Ende steht der Tod in der Tür, spöttisch grinsend.

So ist es auch in «Il trovatore», dem mittleren jener drei Nachtstücke, die Verdi zwischen 1853 und 1862 komponierte, aus der Taufe gehoben am 19. Januar 1853 im römischen Teatro Apollo, mit dem Komponisten am Pult. Ein lieto fine ist, wie in «Simon Boccanegra» (den Verdi 1881 noch einmal einer grundlegenden Revision unterzog) und wie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Drahtseilakt

Am 5. Oktober 1763, auf den Tag genau ein Jahr nach Glucks Reformoper «Orfeo ed Euridice», hatte Tommaso Traettas «Ifigenia in Tauride» in Wien Premiere – allerdings nicht im Burgtheater, sondern in Schloss Schönbrunn. Traetta war unter den Italienern neben dem seit 1754 als Hofkapellmeister in Stuttgart wirkenden Niccolò Jommelli noch vor Gluck der Erste, der...

Kaiser, Könige, Aristokraten

Theo Adam hatte einen prächtigen Charakterkopf, der ihn vielleicht auch für Film und Fernsehen prädestiniert hätte. Und tatsächlich hatte er im DDR-Fernsehen seit 1977 bis nahe an dessen (und des zugehörigen Staates) Ende eine eigene Sendereihe, in der er vor prunkvollen Kulissen sowohl prominente Kollegen als auch Nachwuchstalente vorstellte und damit, wie Jan...

Ein Plädoyer für Toleranz und Frieden

Moskau hat als Opernmetropole viel von seinem besonderen Flair eingebüßt. An den großen Häusern pflegt man die Tradition, die kleineren Bühnen schrecken davor zurück, politisch brisante Themen anzufassen – aus offensichtlicher Angst vor einem Staat, der seinen eigenen Angriffskrieg glorifiziert. Das einzige Juwel ist die 1990 vom Regisseur Dmitri Bertman ins Leben...