Fluch der Idylle

Massenet: Werther
Bergen | Nasjonale Opera | Grieghallen

Opernwelt - Logo

Ein niedliches Dorf nistet zwischen grünen Hügeln, die Häuschen dicht an die Kirche geschmiegt. In Anthony McDonalds «Wer­ther»-Inszenierung sorgt der durchscheinende Prospekt im Portal vor jedem Aktbeginn für Kontext: ein Ort so wohlgeordnet, so hell und überschaubar, dass heimliche Liebe unmöglich ungesehen bleiben kann. In dieses Bild wird das Haus des Amtmanns «gebaut», indem sich Wand an Wand, fürs Publikum sichtbar aus dem Schnürboden herabgelassen, zu einer reinlich-eleganten Stube fügt. Über dem langen Esstisch hängt ein so ernst wie freundlich dreinblickendes Porträt.

Die Mutter, ohne Zweifel: fortwährende Erinnerung an Charlottes Gelübde, sich mit Albert zu vermählen.

«Noël, Noël», flöten helle Kinderstimmen. Während die Knaben vorm Ofen spielen, helfen die Mädchen artig beim Tischdecken. Die Szene ist so einfach wie brillant – mit einem einzigen Bild setzt der Regisseur den Ton für das von Werther bewunderte «Idealbild der Liebe und Unschuld», illustriert in der kindlichen Rollenverteilung quasi stellvertretend sowohl Charlottes Pflichtsinn als auch Werthers Mangel daran.

In der Folge genügt es McDonald im Grunde, die Geschehnisse sorgsam zu bebildern. Dabei wird der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Wiebke Roloff Halsey

Weitere Beiträge
Work in progress

Dass im Musiktheater Alt auf Neu trifft, ist wahrlich keine neue Erfindung. Ob zuletzt in Saarbrücken, bei einer Medea-Symbiose von Werken Luigi Cherubinis und Iannis Xenakis’ (siehe OW 3/2019), oder in Brüssel mit der Wiedererweckung von Frankensteins Monster durch den amerikanischen Komponisten Mark Grey (siehe Seite 37) – überall begegnen uns auf den Bühnen...

Stimmungsmacher

Unheimliche Dinge vernahm man über den Beginn des neuen Werks. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen soll bei der Premiere die Plüschbestuhlung im ehrwürdigen Brüsseler Opernhaus zum Zittern gebracht und die Ankunft des Raumschiffs apokalyptisch begleitet haben. Bei der fünften Vorstellung wollte man dem Publikum dann offenbar nicht mehr die volle Dosis des akustischen...

Hochgradig aktuell

Spätestens seit die USA vor drei Monaten aus dem INF-Vertrag über die Stationierung von Mittelstreckenraketen ausgestiegen sind, ist offensichtlich, dass mit dem Zerstörungspotenzial der Atombombe zwischen den Großmächten inzwischen wieder so unverhohlen gedroht wird wie zu Zeiten des Kalten Kriegs. Diese nach wie vor bestehende tagespolitische Relevanz ist nur...