Flieg, Nachtigall, flieg!
Mehr geballte Tradition geht nicht. 29. Januar 1781, 10. Juni 1865, 30. November 1920, 9. Juli 1978: Meilendaten der Münchner Operngeschichte sind das. «Idomeneo», «Tristan und Isolde», «Die Vögel» und «Lear», sie alle wurden hier geboren, um dem Repertoire als Longseller erhalten zu bleiben, und sollen nun noch einmal neu befragt werden. Die letzte Spielzeit von Intendant Nikolaus Bachler ist demnach weniger Bilanz als vielmehr Verbeugung vor der Historie – und zugleich selbstbewusstes Vorführen weißblauer Signifikanz. Ob alles wie geplant klappt, weiß bekanntlich niemand.
Die nihilistische Aristophanes-Version von Walter Braunfels, Folge eins dieser Münchner Spielzeit-Tetralogie, hat es gerade noch vor Torschluss geschafft. Eine Premiere, drei Tage vor dem erneuten Lockdown, die keine war: nur 50 Zuhörer erlaubt, die anfangs peinlich berührt Platz nehmen, um am Ende tapfer gegen die Probenatmosphäre anzujubeln. Mittendrin Architekt Stephan Braunfels, ein unermüdlicher, gern auch mitfinanzierender Kämpfer für das Œuvre des Großvaters. Immerhin war die (Opern-)Welt per Live-Stream zugeschaltet, der Abend kann weiterhin im Netz abgerufen werden.
Musikalisch lohnt das auf jeden ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Markus Thiel
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Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung....
