Farb- und leblos
Würde diese Oper nur wenige Minuten dauern, sie wäre ein Meisterwerk. Denn während dieser Zeit hört man den Chor der Geister, von links und rechts, respektive vorne und hinten (das Publikum sitzt verteilt auf einem Tribünen-L). Man hört ein Flüstern und Raunen, genau geführt, genau notiert, das klingt, als spräche, sänge der Wind, als wehten Worte durch den Raum, die man nicht versteht, nicht verstehen muss – die klangliche Faszination reicht völlig. Dann aber tritt die Titelfigur auf, und jeder Zauber endet. Der Rest der 80 Minuten wird sehr lang. Und ja, auch: langweilig.
Welch großartige Opern Georg Friedrich Haas zu komponieren in der Lage ist, konnte man vor wenigen Monaten an der Bayerischen Staatsoper erleben: im schwarzgründigen Familiendrama «Bluthaus» (mit der gerade zur «Sängerin des Jahres» gekürten Vera Lotte Boecker) und in «Thomas», einem Gesang über die Liebe und den Tod und die Liebe über den Tod hinaus. Die Musik ist meist fabelhaft gut, weil die Libretti von Händl Klaus stammen, der nicht nur äußerst subtil und fragil in Grenzbereiche menschlichen Daseins vorzudringen vermag, sondern, sehr verkürzt gesagt, so schreibt, wie Haas komponiert. Händl Klaus zerlegt ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Egbert Tholl
Man benötige einen Wasserfall, vier Feuerräder, zwölf galoppierende Pferde, lebende Hirsche […] und […] eine unschuldige Verlobte …». Aber eben daran scheitere «jede Inszenierung», urteilte einst der große Humorist und Opernkenner Loriot über Schwierigkeiten der Realisation von Carl Maria von Webers «Freischütz». Gleichviel: Welcher Regisseur hat sich in den...
Meist sitzt sie im Dunkel. Unbemerkt, fast möchte man meinen: unscheinbar. Aber gerade darin liegt ihre große Stärke: Dass sie sich zurückzieht auf die Position der Beobachterin, deren einziges Interesse es ist, die Blicke der anderen einzufangen, und dass sie imstande ist, diesen einen, flüchtig-konzentrierten Moment festzuhalten, in dem diese Blicke fokussiert...
Hoch über dem Tal ragen die baumbewachsenen Sandsteinfelsen der Bastei in den Abendhimmel, unten überwuchert sattgrünes Moos das Gestein, und mittendrin: Theater. Vielleicht treffen nirgendwo in Deutschland Natur und Kunst so nahezu plakativ schön aufeinander wie in der Felsenbühne Rathen.
Angelegt in den 1920er-Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg Ort der...
