Familienbande
Das erste Bild zeigt eine Amtsstube aus grauer Vorzeit, mit Aktenschränken inklusive staubigen Registern; auf wuchtigen Schreibtischen türmt sich Papier. Emsiges Personal in steifer Bürokleidung des mittleren 20. Jahrhunderts bewegt sich ruckartig, sackt zusammen, richtet sich wieder auf. Dann nehmen die Bewegungen Fahrt auf: Die Frauen wecken erstarrte Pullunder-Männer auf, zu Rameaus quirliger Tonspur entwickelt sich ein geschäftiger Tanz – amüsierwütig und doch ansteckend dynamisch. Jede Geste sitzt, jeder Fußschlenker antwortet auf die Musik.
So musikalisch beginnt Andreas Kriegenburgs «Platée»-Inszenierung. Die Uraufführung von Rameaus skurrilem «Ballet bouffon» soll nur ein mäßiger Erfolg gewesen sein. Man empfand das Sujet als unpassend, da die Titelheldin eine hässliche, krötenartige Sumpfnymphe war. Beinahe ein Eklat, denn der Anlass in Versailles war die Hochzeit Ludwig XV. mit der spanischen Infantin, und die soll nicht eben eine Schönheit gewesen sein ... Noch heute verblüfft Rameaus freches Spiel mit dem Spiel. Denn er denkt auch laut über alberne Hupfdohlen, eitle Sänger, sinnfreie Koloraturschnörkel, kokette Spitzentöne, kurzum: über den ganzen Irrsinn der Gattung ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Regine Müller
Herr Nazmi, nach Ihrem Einspringen als Gurnemanz an der Bayerischen Staatsoper haben Sie zu einem Facebook-Schnappschuss hinzugeschrieben: «Mit meinem alten Meister Christian Gerhaher». Wie findet er so etwas?
Ich habe kurz überlegt, ob ich das so formulieren darf. Aber unser Verhältnis ist sehr freundschaftlich.
Auch wenn Gurnemanz und Amfortas kaum gemeinsame...
Fliegende Fische
Droben im Norden, so sagt man, reden die Menschen nicht besonders viel. Das mag stimmen. Doch im Theater ist das anders, so auch im Stadttheater Bremerhaven, in das sich die Großkritik so gut wie nie verirrt. Im Rahmen der Serie «Opernwelt auf Landpartie» statten wir dem Haus einen Besuch ab und nutzen die Gelegenheit, den neuen «Rosenkavalier»...
Schreckliches ist geschehen, möglicherweise. Was aber wirklich gewesen ist im vornehmen Landsitz Bly, wohin die Governess zur Erziehung der zwei halbwüchsigen Geschwister Miles und Flora kommt und worin sie unbedingt ihr Bestes geben will – das erfahren wir nicht. Nicht in Henry James’ viktorianischer Spuk -novelle aus dem Jahr 1898, noch weniger in Brittens...
