Ewig einig ohne End’
Es waren einmal zwei Königskinder, die konnten vielleicht doch zueinanderkommen. Noch während sich die Musik in schmerzvoll-chromatischen Dissonanzen ergeht, die aber sämtlich doch eher sublim-geschliffen als rustikal-rau klingen, zeigt ein Video Tantris (Künstlername Tristan) und Isolde, beide rotschopfig, inmitten der unberührten Natur, er am Ufer eines Gestades, sie im Wald. Zerklüftete Küsten sieht man bald da wie dort, der Ort möchte wohl eine Insel sein.
Der Knabe bastelt ein Segelboot und stößt es sanft ins Gewässer, die Maid findet es (oder ein anderes?) in einem Flussbett. Ja, es könnte tatsächlich etwas werden mit diesen beiden jungen, verträumten Menschen.
Wird es auch. Denn mögen Marco Jentzsch und Lena Kutzner zu Beginn des ersten Aufzugs noch scheinbar achtlos aneinander vorbeischauen, obwohl gerade mal zwei Meter sie trennen, im holzvertäfelten, mit sechs Bullaugen versehenen Schiffssalon, den Susanne Gschwender auf die Bühne des Staatstheaters Meiningen gesetzt hat, so gewinnt man doch den Eindruck, als würden sie einander gut kennen. Mehr noch: Die lieben sich, als Figuren, schon länger. Wenn Kutzner, deren wuchtigvoluminöser, sonnenstrahlender Sopran das Publikum beinahe aus dem Saal pustet und damit die Vermutung nahelegt, dass diese außergewöhnliche Sängerin bald schon in Berlin und Bayreuth als Wagner-Heroine zu bestaunen sein wird, die Verse «Mir erkoren, mir verloren» anstimmt, blickt Jentzsch, dessen sparsam-kluge vokale Dosierung ihm einen veritablen, dramatisch durchwirkten Höhenflug im vertrackten dritten Akt ermöglicht, von seiner flüchtigen Lektüre des Manager-Magazins «Capital» auf, das ein Mann wohl liest, der seiner Kleidung nach, wie ebenfalls sein stimmlich kerniger Kumpel Kurwenal (Shin Taniguchi), ein Schiffskapitän ist. Auch Isolde und ihre Freundin Brangäne (Tamta Tarielashvili mit katakombendunklem Mezzo und einem Hauch zu viel Vibrato, der die Deutlichkeit ihrer Deklamation mindert) muten an wie Gäste aus der Business-Class: Beide Damen tragen feine Stoffe (Kostüme: Clara Hertel) und haben schickes Handgepäck zu ihren Füßen stehen. Während aber Brangäne sich gern mal einen Drink einschenkt (wir vermuten Whisky), bevorzugt Isolde stilles Wasser. Zumindest vorerst.
Während ihres Fachgesprächs über «der Mütter Künste» verschwinden die beiden Herren, doch bald schon wird der Beweis geführt, dass die Königskinder, um ihre tieferen Gefühle füreinander zu offenbaren, nicht zwingend eines Liebestranks bedürfen: Kurz nachdem Isolde damit begonnen hat, die Geschichte der ersten Begegnung zu erzählen, tritt Tristan zur Tür hinein und lauscht, ihren Lodenmantel liebkosend, ergriffen den Worten der Irin. Erst als sie von jenem «Schwur mit tausend Eiden» berichtet, den der vermeintliche «Held der Welt» getan, stiehlt er sich erneut klammheimlich davon – das elementare Versäumnis zu bekennen und nochmals zu hören, dass er, nachdem Isolde ihm, anstatt ihn umzubringen, das Leben gerettet hat, meineidig geworden ist, ist ihm allem Anschein nach doch etwas peinlich.
Nicht nur in dieser Szene wird evident, wie präzise Verena Stoiber das Libretto jenes Werks, das sie vor gut zehn Jahren schon einmal in Graz inszeniert hatte (vorausgegangen war der Sieg beim renommierten «Ring Award»), gelesen hat und wie tief sie in die psychologischen Strukturen von «Tristan und Isolde» eingetaucht ist. Im Zentrum ihrer Beschäftigung mit dem heiklen Sujet steht die Frage, was der Liebestrank bewirken könnte und ob er überhaupt nötig ist, um die Geschichte einer weltabhandengekommenen Liebe glaubwürdig zu erzählen. Stoiber entscheidet sich, überaus plausibel, für den dritten Weg. Zwar gibt es den Liebestrank (sein Pendant steckt Brangäne in einem unbeobachteten Augenblick flugs zurück ins Täschchen), aber hier wirkt er wie eine bewusstseinserweiternde Droge: Kaum haben Tristan und Isolde aus dem Becher getrunken, in den sie zuvor mit einer Pipette einige magische Tröpfchen geträufelt hat, kippt die Realität komplett um. Das hehre, holde Paar sinkt, noch bevor es die «Nacht der Liebe» tut, hinab in eine Unterwasserwelt. Jonas Dahl zeichnet sie in faszinierenden, die Bühne buchstäblich überschwemmenden Videos als utopisches Naturidyll (gut, ein Hai schnappt nur kurz zu, verschwindet dann aber sogleich wieder aus dem Bild), wie eine Traumvision. Diese ermöglicht es dem Dirigenten Killian Farrell, seine enormen gestalterischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Farrells Wagner schimmert und schillert in vielen Farben und Valeurs, gerät aber nicht einen Takt lang unter Pathos- oder Kitschverdacht. Alles fließt, organisch und transparent, und die Meininger Hofkapelle musiziert unter der Leitung ihres jungen GMD auf einem Niveau, das man an einem Haus dieser Größe eigentlich nicht vermuten würde, wüsste man nicht um die große Meininger Wagner-Tradition. Die Artikulation ist scharfkantig wie ein Relief, die Phrasierung episch-geschmeidig, der Streicherklang samtig-seiden – und die Holzbläsergruppe mit Solisten gesegnet, vor denen man in die Knie gehen möchte: Allein das ätherische Spiel des Englischhornisten, den Regisseurin Stoiber zu Beginn des dritten Aufzugs als Priester im schwarzem Talar in Tristans Erinnerungs-Krankenzimmer bittet, gleicht einem Gedicht in Tönen. Kaum minder brillant die Bassklarinette, treue und erhabenwürdige Begleiterin von König Marke (mit mildem, zugleich markantem Bass: Selcuk Hakan Tıraşoğlu).
Ein inszenatorisches Ereignis der besonderen Art wird uns schon zuvor beschert. Wie frech, für den Anfang des zweiten Aufzugs einfach mal ein «Bild» hinzuzuerfinden. Aber wie bezwingend zugleich! Das chromatisch verzerrte, wild modulierende Vorspiel findet im ehelichen Schlafzimmer statt. König Marke, ein Biedermann vor dem Herrn, kleidet sich für die Jagd an (die Hörner erschallen hier wirklich in schönstem Einklang!), Isolde räkelt sich derweil nervös in den Kissen, wissend, dass da gleich ein anderer kommen wird (wovon die Solo-Klarinette ein zauberhaftes Liedchen singt). Kurz bevor Tristan im schicken schwarzen Anzug und weißen Hemd hereinschneit wie zu einem Abenddinner, nimmt seine Angebetete noch rasch ein Schlückchen aus der Zauberpulle zu sich, dann kann er losgehen, der große, abgefahrene, ultimative Liebes-LSD-Tripp. Er führt das Paar, nachdem das Bett zweckentfremdet wurde und eine muntere Kissenschlacht für die nötige Betriebstemperatur gesorgt hat, per Video über Wald und Wiesen, durch Mega-Citys, ins Weltall, an den Vierwaldstätter See (!), in eine brennende Kirche und schließlich per Motorrad durch mächtige Canyons – doch, nein, nicht auf die Insel der Glückseligen, sondern zurück ins finstere Mittelalter, in König Markes Schloss. Und, kaum zu glauben, aber wahr: Der Schlossherr erscheint, wie der schlechtgelaunte, linkische Melot (Johannes Moser, dessen Schwert sich Tristan wenig später höchstselbst in den Bauch rammt), wie eine Figur aus Oberammergau im Outfit jener fernen Zeit und zwingt nun auch Isolde, ihre Hippie-Kluft abzulegen, um wieder eine «echte» irische Braut zu werden. Lediglich Tristan behält Jeans und Jacke an, er spielt das Mittelalter-Ding nicht mit. Und landet, wir sind im dritten Aufzug, im Anzug zurück in der Kindheit. Im Krankenbett zu Kareol liegt, von Infusionsgeräten umgeben, sein Vater (ein Statist), auf der Kommode steht das Schiffchen vom Beginn, ein Bücherschrank insinuiert bürgerliche Kultur. An diesem Ort nun träumt sich Tristan zurück zu seiner geliebten Isolde. Alles ist nurmehr Imagination, Traum, Verschiebung, Verdrängung, ein Vagieren im Un(ter)bewussten. Kein Wunder, dass hier niemand stirbt. Tristan, völlig paralysiert, erstarrt, Isolde geht. Und die anderen sind schon vorher vom auf die Szene projizierten Meeresrauschen verschluckt worden. Kühnes Ende eines kühnen Abends, den man so schnell nicht vergessen wird.
Wagner: Tristan und Isolde
MEININGEN | STAATSTHEATER
Premiere: 12., besuchte Vorstellung: 21. April 2025
Musikalische Leitung: Killian Farrell
Inszenierung: Verena Stoiber
Bühne: Susanne Gschwender
Kostüme: Clara Hertel
Video: Jonas Dahl
Chor: Roman David Rothenaicher
Solisten: Marco Jentzsch (Tristan), Lena Kutzner (Isolde), Selcuk Hakan Tıraşoğlu (König Marke), Shin Taniguchi (Kurwenal), Tamta Tarielashvili (Brangäne), Aleksey Kursanov (Stimme eines jungen Seemanns/Hirte), Hans Gebhardt (Ein Steuermann)
www.staatstheater-meiningen.de
Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten
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