Erinnerung, bestätigt

Webers «Freischütz» von 1972 unter Karl Böhm aus der Wiener Staatsoper

Opernwelt - Logo

Zwar ist die elektromagnetische Aufzeichnung der schärfste Feind nostalgischer Verklärung. Doch gelegentlich vermag sie die Erinnerung auch zu bestätigen. Etwa im Fall der Live-Aufnahme von Webers «Frei­schütz» vor 35 Jahren an der Wiener Staatsoper. Der 28. Mai 1972 war einer jener Abende, von denen man seinen Enkelkindern berichten möchte. Erstmals stand Webers Oper wieder auf dem Programm: nach fast zwei Jahrzehnten, da man nach Ende der «Ära Adolf» fürchtete, mit diesem als «deutsche National­oper» verschrienen Werk unselige Geister wachzurufen.


Als Augen- und Ohrenzeuge erinnert man sich an eine in allen Parametern stimmige Produktion. Der kritische Theatergeher heute würde vermutlich inszenatorische Marginalien und Ausschwenkungen vom Waldsterben bis zum Problem von Außenseitern in einer repressiven Gesellschaft vermissen, doch solche regietheatralischen ­Reflexionen waren damals noch nicht à la mode. Otto Schenk inszenierte vielmehr traditionell dem Büchel entlang, doch witzig und unsentimental. Günter Schneider-Siemssens realistisch detailreiche Bühnenbilder hatten Poesie; die Wolfsschlucht hätte manches Horrormovie Hollywood’scher Prägung bereichert.
So viel zum Visuellen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2007
Rubrik: CDs, Seite 54
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Beethoven: Fidelio

Wie schon 1907 zur Einweihung und 1953 zur Nachkriegswiedereröffnung dient Beethovens Hymnus auf die Gattenliebe den Kielern auch diesmal, zur Feier des hundertjährigen Bestehens ihres Opernhauses, als Festoper – obwohl die finale Utopie des Werks für Dominik Neuner, wie er das Publikum mit einem in Sekt- und Partylaune endenden Schluss­­bild unmissverständlich...

Heggie: Dead Man Walking

Bei Jake Heggie zeichnet sich eine neue Wertschätzung alter Tonalitätstugenden durch junge Komponisten ab. Orchestrale Sprachfähigkeit geht in seiner Oper «Dead Man Walking» einher mit betont kantablem Ausdruck. Leichter Holly­wood-Sound hier und da mag von der Kenntnis des Tim-Robbins-Films her­rüh­ren. Hagen präsentierte die zweite deutsche Inszenierung nach der...

Arbeit am Mythos

Ein junger Mann gerät unverhofft in den Dunstkreis eines erfolgreichen Komponisten. Des «berühmtesten lebenden deutschen Komponisten schlechthin», wie man dem schüchternen Doktoranden der Germanistik versichert. Für diesen Komponisten zu arbeiten, «das sei in ­gewisser Weise so, als würde man für Brahms arbeiten. Oder für Beethoven.» Die Aufgabe des jungen Mannes:...