Entmystifiziert
Man sieht es und staunt: Der männliche Titelheld ist verdoppelt, also stirbt er auch zweimal. Während Tristan eins, singender (Privat-?)Patient einer Luxusklinik, exakt an der vom Komponisten bezeichneten Stelle ins Jenseits wandert, beobachtet sein Schauspiel-Double vom Rollstuhl aus dessen Sterben wie ebenfalls Isoldes Liebestod. Erst dann gibt auch der Doppelgänger seinen Geist auf – nachdem er die Geschichte einer zwanghaften Liebe und eines unschuldigen Verrats noch einmal hatte durchleben müssen.
Oder vielleicht doch nicht?
Regisseur Jean-Claude Berutti hält sich an der Opéra Royal de Wallonie, wo «Tristan und Isolde» seit fast einem Jahrhundert nicht mehr zu sehen war, die Option zumindest offen, dass die Imaginationen des Todkranken pure Hirngespinste sein könnten – Isolde kniet in Krankenschwesternuniform und mit einer Reiseapotheke (inklusive Liebes- und Todestrank) an Tristans Lager. Gut möglich also, dass der Siechende sich die Pflegefachkraft nach seinem Wunschbild zurechtphantasiert. Allerdings hat Berutti die Sache nicht ganz zu Ende gedacht. Statt des Oszillierens zwischen Bedeutungsebenen sehen wir in seiner Inszenierung lediglich eine Hängepartie. Immerhin ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Michael Kaminski
Dass die in Moskau ansässige «Nowaja Opera» mit Samuel Barbers «Vanessa» ein Werk aus einem, laut offizieller Einschätzung «unfreundlichen Land» auf ihren Spielplan setzt, ohne sich für dessen offenkundig boulevardesken Charakter zu schämen, unterstreicht erneut die radikale Entschlossenheit der Direk -tion zu einem «unkonventionellen Verhalten». Sämtliche Bühnen...
Die Tragédie en musique «Castor et Pollux» von Jean-Philippe Rameau gehört zu den populärsten Werken des großen Franzosen. Teodor Currentzis und Peter Sellars wählten für ihre Neuproduktion im Palais Garnier die erste, umfangreichere Fassung von 1737. Die fast Wagner’sche Länge dieser Version erlaubte es den Interpreten, sämtliche Facetten von Rameaus zwischen...
Der Augenblick der Seligkeit, er währt nur wenige entrückte Minuten. Wie ein mondbeschienener Liebestraum in Ges mutet dieses Andantino non troppo lento im wiegenden 6/8-Takt an, in dem Anna Brull (als stimmlich wie darstellerisch exquisite Königin von Karthago) und Iurie Ciobanu (als glaubhaft mit sich und den Umständen ringender trojanischer Krieger) innig...
