Entmystifiziert
Man sieht es und staunt: Der männliche Titelheld ist verdoppelt, also stirbt er auch zweimal. Während Tristan eins, singender (Privat-?)Patient einer Luxusklinik, exakt an der vom Komponisten bezeichneten Stelle ins Jenseits wandert, beobachtet sein Schauspiel-Double vom Rollstuhl aus dessen Sterben wie ebenfalls Isoldes Liebestod. Erst dann gibt auch der Doppelgänger seinen Geist auf – nachdem er die Geschichte einer zwanghaften Liebe und eines unschuldigen Verrats noch einmal hatte durchleben müssen.
Oder vielleicht doch nicht?
Regisseur Jean-Claude Berutti hält sich an der Opéra Royal de Wallonie, wo «Tristan und Isolde» seit fast einem Jahrhundert nicht mehr zu sehen war, die Option zumindest offen, dass die Imaginationen des Todkranken pure Hirngespinste sein könnten – Isolde kniet in Krankenschwesternuniform und mit einer Reiseapotheke (inklusive Liebes- und Todestrank) an Tristans Lager. Gut möglich also, dass der Siechende sich die Pflegefachkraft nach seinem Wunschbild zurechtphantasiert. Allerdings hat Berutti die Sache nicht ganz zu Ende gedacht. Statt des Oszillierens zwischen Bedeutungsebenen sehen wir in seiner Inszenierung lediglich eine Hängepartie. Immerhin ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Michael Kaminski
Trügerische Dorfidylle. Das große Mühlrad, der kleine Bahnhof, das winzige Kirchlein und ein Pferd, nicht die Kuh, auf dem Dach: Nikolaus Weberns Bühnenbild in Kateryna Sokolovas «Jenůfa»-Inszenierung suggeriert eine gleichermaßen veristisch-naturalistisch wie surrealistische Szenerie – Chagall meets Čapek. Die Kostüme von Constanza Meza-Lopehandias verorten das...
Herr Fioroni, in seinem Roman «Herkunft» beschreibt Saša Stanišić sehr anschaulich, wie polyvalent und widersprüchlich der Begriff ist. Auch bei Ihnen scheint das der Fall zu sein: Dem Namen nach würde man einen Italiener vermuten, aber Sie sind Schweizer und in Deutschland aufgewachsen. Das klingt nach einer polyglotten Identität …
Das stimmt. Identität und...
Die Feststellung, dass Spiritualität vereint, Religion hingegen trennt, gilt nicht erst seit den verheerenden Attentaten religiöser Fanatiker in unserer Zeit. Schon immer fanden sich Konfessionen politisch missbraucht, wurden sie im Sinne von Machtgewinn und -erhaltung bewirtschaftet. Ob freilich Oliver Cromwell (1599–1658) ein Machtpolitiker war, der Gott zu...
