Entmystifiziert
Man sieht es und staunt: Der männliche Titelheld ist verdoppelt, also stirbt er auch zweimal. Während Tristan eins, singender (Privat-?)Patient einer Luxusklinik, exakt an der vom Komponisten bezeichneten Stelle ins Jenseits wandert, beobachtet sein Schauspiel-Double vom Rollstuhl aus dessen Sterben wie ebenfalls Isoldes Liebestod. Erst dann gibt auch der Doppelgänger seinen Geist auf – nachdem er die Geschichte einer zwanghaften Liebe und eines unschuldigen Verrats noch einmal hatte durchleben müssen.
Oder vielleicht doch nicht?
Regisseur Jean-Claude Berutti hält sich an der Opéra Royal de Wallonie, wo «Tristan und Isolde» seit fast einem Jahrhundert nicht mehr zu sehen war, die Option zumindest offen, dass die Imaginationen des Todkranken pure Hirngespinste sein könnten – Isolde kniet in Krankenschwesternuniform und mit einer Reiseapotheke (inklusive Liebes- und Todestrank) an Tristans Lager. Gut möglich also, dass der Siechende sich die Pflegefachkraft nach seinem Wunschbild zurechtphantasiert. Allerdings hat Berutti die Sache nicht ganz zu Ende gedacht. Statt des Oszillierens zwischen Bedeutungsebenen sehen wir in seiner Inszenierung lediglich eine Hängepartie. Immerhin ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Michael Kaminski
Ein ähnliches Setting des Stücks hatte 2019 auch Regisseur Floris Visser dem Publikum am Badischen Staatstheater Karlsruhe beschert: Das vermeintliche Einheitsbühnenbild hat einen Zwilling auf der Drehbühne. So auch an der Opéra national du Rhin. Zweimal hat Christof Hetzer seinen perspektivisch stark nach hinten verjüngten Raum mit der Ornamenttapete gebaut –...
Ein nostalgisches Karussell mit bunten Holzpferdchen dreht auf der Bühne seine Runden. «Ringelspiel» nennt man ein solches Kinderkarussell in Österreich. Später kreiselt auch noch der Bühnenboden, aber in die Gegenrichtung. Am Schluss hebt das Dach ab und verwandelt sich in jene Windmühlenflügel, gegen die der Ritter von der traurigen Gestalt Don Quijote vor...
Dieser Mephisto kommt mir nicht ins Haus!», rief Bertel Braunfels, die Gattin des Komponisten, voller Vorahnung aus, als Adolf Hitler 1920 nach einem Besuch der «Vögel» an Walter Braunfels herangetreten war. Der spätere «Führer» wünschte sich eine Hymne für seine frisch gegründete Partei und hielt den Namen «Braunfels» für urdeutsch, doch der Komponist lehnte ab....
