Entfremdet
Gisela Werbezirk gewährte einst einen tiefen Blick in die Seele einer Vertriebenen: Ihr war es vergönnt gewesen, den Nazis zu entkommen und in den USA als Schauspielerin erneut Fuß zu fassen. Dort lebe sie nun und sei – ein sprachlich feiner, emotional jedoch himmelweiter Unterschied – «happy, aber nicht glücklich …» Von Werbezirk ist es nicht weit zum (rein fiktiven, in seiner Emigrantenrolle aber paradigmatischen) Mendel Singer. Im Finale des ersten Akts, inmitten von Tuten und Kreischen, Drängeln und Hetzen, wird ihm plötzlich schwarz vor Augen.
Er, der im Schtetl nur Armut und Wehsal gekannt hat, aber auch die edle, erhebende Bürde von Glauben, Überlieferung und Familie, ist von New York schlicht überfordert. In einem großen Ensemble mit Chor gehen Mendels Ängste unter – oder gehen sie vielmehr auf? In einer Gemeinschaft, deren Gesang von einem engelartig schwebenden Dirigenten geleitet wird?
Diese Erscheinung ist ein früher Hinweis auf das märchenhafte Ende von Joseph Roths 1930 erschienenem Roman «Hiob», in dem das Schicksal des biblischen, von Gott exemplarisch schwergeprüften Mannes anhand eines braven Tora-Lehrers aus dem westukrainischen Landstrich Wolhynien neu erzählt ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Walter Weidringer
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Tränen gelacht zuletzt bei Tobias Kratzers «Götterdämmerung», als eine Norn und später Waltraute als meine Doppelgängerinnen auftraten.
Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
Ich würde kein neues Haus bauen, vielmehr schauen, wie man die vielen, die es schon gibt, für die Zukunft erhalten und verändern kann. Wie kann man...
JUBILARE
Aus dem oberfränkischen Rehau stammt der dort am 15. April 1953 geborene Klaus Angermann. Er studierte Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie an der Philipps-Universität Marburg und schließlich bei Helga de la Motte-Haber an der Technischen Universität Berlin. Von 1985 bis 1990 beschritt er zunächst auch eine Laufbahn als Sänger und trat...
